Ich erzähle euch heute eine Geshcichte aus der Psychiatrie, die sich vor wenigen Jahren, nämlich 202/22 ereignet hat, als wir in Österreich noch stark unter der Corona-Pandemie litten.

    Es ergab sich so, dass ich in diesem Jahr mit Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Für mich ein schwerer Schlag, vorallem da der Schub, der zur Diagnose führte, meine Augen schwer beeinträchtigte. Ich wusste nicht ob ich jemals wieder normal sehen oder arbeiten können würde. Meine damalige Beziehung endete noch in der Akutphase.

    Da ich noch nie bekannt dafür war, lange zu fackeln oder nichts zu tun, meldete ich mich in dieser veritablen Lebenskrise in der Psychiatrie eines bekannten und angesehenen Krankenhauses an mit Spezialisierung auf Psychosomatik. Zur Erklärung: die Psychosomatik beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Geist und Körper und mit der Entstehung von medizinischen Symptomen aufgrund psychischer Ausnahmezustände. Diese Symptome sind physischer Natur, meist aber nicht immer messbar und führen zu realen Ausfällen, Schmerzen, usw.

    Mit mir dort war eine Dame, ca. 50 Jahre alt, mit Erschöpfungszuständen. Sie wirkte völlig gesund, hatte keine Depressionen, jedoch konnte sie aus unerfindlichen Gründen keine weiten Strecken zu Fuß zurücklegen und benötigte oft und lange Pausen. Auch mentale Aufgaben wie zb eine Party für ihre Kinder zu organisieren, was sie immer gerne gemacht hatte, stellte sie jetzt vor unüberwindbare Hürden. Bis heute bin ich der Meinung, diese Dame hatte ME/CFS – eine Krankheit, die damals nicht unbekannt war, aber als selten galt und in Österreich daher auch einfach nicht zu existieren hatte. Keine der Therapien vermochte ihr zu helfen, weil ihre Erkankung einfach nicht psychisch war. Anhören musste sie sich jedoch, dass sie unwillig wäre, bei Sporttherapien mitzumachen und sie mehr Wille und Motivation zeigen müsse, sonst könne man nichts für sie tun.

    Ich frage mich heute noch oft, was aus ihr geworden ist und ob sie meinen Rat angenommen hat, sich in Wien bei der Anlaufstelle für seltene und unbekannte Krankheiten zu melden. Für mich war dieses Erlebnis einprägsam. Da war eine Person, die um Hilfe bat, sich selbst dort anmeldete und jeden Tag kam und dann konnte man ihr nicht nur nicht helfen, man warf ihr auch noch vor, das wär ihre eigene Schuld!

    Ich war schockiert und wütend darüber, dass man sie so behandelte bevor man sich einfach selbst eingestand, dass ihr Zustand einfach nicht psychischer Natur war und man diesen falsch diagnostiziert hatte. Was es nun war, diese Dame hatte alles andere als einen Mangel an Motivation.

    Der Artikel hat mich an diese Geschichte wieder erinnert. Seit der Coronapandemie lehnt die PVA mit Unterstutzung der Regierung – damals ÖVP und FPÖ – die Anerkennung von ME/CFS als Behinderung ab.

    https://www.derstandard.at/story/3000000244073/chronisches-erschoepfungssyndrom-mecfs-ministerium-gegen-einstufung-als-behinderungsgrund

    Schwer Betroffene sind oft bettlägerig oder kaum fähig einkaufen zu gehen, vor dem Gesetz gelten sie jedoch als voll arbeitsfähig und gesund.

    Den Grad der Behinderung von ME/CFS könne man auch "durch Analogie zu vergleichbaren Krankheiten und Einschränkungen einschätzen" heißt es dazu aus dem Ministerium. Man sei der Meinung, dass "postvirale Syndrome wie ME/CFS bereits jetzt als Behinderung eingestuft werden" – aber dazu Bedarf es anderer Diagnosen, was man im Ministerium angemessen und in Ordnung findet.

    Es ist eine Entscheidung, die jeder Logik entbehrt und in Fachkreisen Unverständnis auslöst. Bei Betroffenen sind es überwiegend Verzweiflung und Wut. Sie leiden an einer Erkrankung, die real ist, jedoch für den Staat nicht existiert. Es gibt keine adäquate Versorgung in Form von Therapien oder Unterstützungsangeboten, keinen Zugang zu Hilfsmitteln wie Rollstühlen, medizinischen Betten oder häusliche Pflege. Die wird es auch nicht geben, denn die PVA weiß weder, wer ME/CFS hat, noch wie viele es sind.

    Heute, in 2025, wissen wir, wie die PVA diese Menschen stattdessen einstuft: gar nicht. Sie werden abgelehnt. Sie werden im Stich gelassen. Wer doch den Feststellungsbescheid erhält, gilt dort vorwiegend als psychisch krank – und kann wie die Dame, die ich kennen lernen durfte, in die Psychiatrie gehen, um sich dort Vorwürfe machen zu lassen. Sofern man des Gehens noch mächtig ist.

    Wie weit ist es in Österreich gekommen, dass wir beeinträchtigten Menschen ein Minimum an Würde und Anerkennung verwehren? Dass wir sie als Arbeitsverweigerer zur Armut verdammen? Dass wir ihnen nicht einmal ihre eigene Erkrankung zugestehen und sie lieber hilflos im Bett liegen lassen, sodass sie froh sein müssen, wenn Kinder oder Eltern da sind, vielleicht NGOs, die sie ernähren können?

    Die EU hat Recht damit, Österreich Vertragsverletzung vorzuwerfen, denn Gleichstellung ist für unseren Staat bloße Augenauswischerei.

    Ich frage mich bei alldem schon: was wird aus diesen Menschen? Und was wird aus allen anderen, die andere Diagnosen haben, wenn diese mit dem Stand der Wissenschaft nicht Schritt halten? Und was wird aus mir?

    Werden wir, die unverschuldet krank geworden sind, in 20 Jahren noch medizinisch versorgt? Habe ich ‚Glück‘ dass die MS früh genug als Krankheit von der PVA noch anerkannt wurde anstatt gar nicht erst in den Katalog zu gelangen, weil man Kosten sparen will?

    Und ist Glück wirklich das, worauf Menschen mit Handicap hierzulande hoffen sollen müssen? Wollen wir das für unsere Kinder?

    https://www.kleinezeitung.at/lebensart/gesundheit/20280409/pva-weist-mehrzahl-der-me-cfs-antraege-ab

    Von Nyardyn

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    5 Kommentare

    1. Significant_notion on

      Ich kann dich dahingehend „beruhigen“, dass selbst wenn die Patientin damals eine ME/CFS Diagnose gehabt hätte, man nicht anders auf sie reagiert hätte.

      Habe eine Betroffene in der nahen Verwandtschaft, ehemals sportlich und erfolgreich, weiterhin top motiviert, und die bekommt trotz offizieller Diagnose seit Jahren, 2025 dieselbe Behandlung wie jemand mit Depressionen. Man versucht, sie zum Sport zu animieren und zu aktivieren, unterstellt ihr mangelnden Willen und so weiter.

      Es gibt inzwischen ca. 2-3 Rehakliniken, wo man mit ME/CFS nach Long Covid gut aufgehoben ist, aber wenn man ME/CFS seit vor Covid hatte, kriegt man dort keinen Platz und muss sich mit Psychosomatischen und Psychiatrischen Rehas begnügen, wo sich niemand, außer einzelne Physiotherapeuten für ME/CFS interessieren.

      Für mich ist es unverständlich, wie man seitens PVA so tut als wäre das ein psychosomatisches Geschehen, aber es seit Jahren nicht hinkriegt, darauf angepasste psychosomatische Rehas auf die Beine zu stellen, wo die Patientinnen nicht ungläubig und abschätzig oder mit Druck behandelt werden, dass sie sich mehr anstrengen sollen.

      Die PVA sagt, das sei alles eine Depression, nur weil sie „müde“ ist, Schlafstörungen hat und sich vom Sozialleben zurückgezogen hat und bei Überanstrengung nicht mehr aufstehen kann. Ja, das ist auch bei Depression der Fall. Aber alle anderen Punkte von Depression treffen nicht zu und für Depression ist es auch nicht typisch, dass man an einem topmotivierten Tag zuviel macht, Spaß hat und dann am nächsten Tag aufwacht als hätte man Grippe und wäre man vom Bus überfahren worden und tagelang nicht mal duschen gehen kann, weil man sich so krank fühlt.

      Weil dann die anderen Kriterien von Depression nicht zutreffen, ist es laut PVA dann eben eine „leichte Depression“. Es ist zum Verrücktwerden.

    2. Binchen3010 on

      Habe eine Freundin mit ME/CFS.
      Sie ist nicht bettlägerig, aber mehr wie 30 Minuten spazieren, ist nicht drin. Also kein Autofahren, kein unter Leute gehen, kein selber zum Arzt gehen, kein selber einkaufen gehen usw.
      Arbeiten natürlich schon gar nicht möglich.

      Also es ist erschütternd. Es ist unglaublich – würde ich das nicht mitbekommen, was hier von der PVA abgezogen wird, ich könnte das nicht glauben.
      Ich frage mich woher die PVA überhaupt ihre „Gutachter“ hat, das können ja keine normalen Menschen sein. Auch die Gutachter im Gerichtsverfahren…. Das sind ja teilweise Ärzte die scheinbar nur Gutachten erstellen und echt mit den verrücktesten Aussagen kommen.
      Was sind das bitte für Menschen?

      Jetzt steht ein Gutachten wegen Einspruch Grad der Behinderung an (oder war es Pflegegrad?) das macht eine Neurologin die ca 75 Jahre ist?!?

      Ja ich frage mich auch wie das zukünftig weiter gehen soll. Besser wird es sicher nicht.

      Ich finde, soetwas gehört viel mehr berichtet. Sozialer Druck gehört aufgebaut, damit die Menschen neben ihrer Krankheit nicht auch noch der PVA ausgeliefert sind.

      Vermutlich gehört heute schon eine Rechtsschutzversicherung mit Sozialversicherungsrwchtsschutz zu den Must Haves.

    3. Was die PVA Angeht habe ich auch schon oft genug miterleben müssen was diese Gutachter attestieren.

      Wenn man das Gutachter noch nennen kann. Das Problem ist abseits des komplett belanglosen Termins dort zur Vorladung ist das es einfach nicht möglich ist wenn überhaupt in 3 Stunden ein komplettes Gutachten ordentlich erstellen zu können.

      Psychologisches Gespräch wenn überhaupt 15 Minuten.

      Ich weiß nicht wie es bei körperlichen Sachen ist, aber habe hier auch schon Geschichten Gehört wo man glaubt man ist im Falschen Film.

      Ich bin selbst seit 15 Jahren Depressiv und Therapien bringen kaum etwas, und habe mich selbst eben schon oft genug damit rumschlagen müssen.

      Als psychisch Kranker Mensch Rehabilitationsgeld zugesprochen zu bekommen glänzt an einem Lottogewinn.

      Bei meinem allerersten ‚professionellen PVA Gutachten‘ stand doch tatsächlich drin das ich nicht sofort zur Türe kam weil ich 10m entfernt ich mir eben bevor die Tür aufging einen Kaffee beim Automaten runtergedrückt hatte.

      Natürlich muss sowas im Gutachten stehen, ich werde natürlich dem Gott in Weiß sofort Habt Acht (wie beim Bundesheer) alles stehen und liegen lassen und bei ihm auf der Matte stehen und einen Kaffee einfach stehen lassen.

      Willkommen in Österreich.

      Hier läuft definitiv seit Jahren vieles Falsch, ich bin im PSD bei den Sozialarbeitern sowie bei der Caritas auch in Betreuung und die sagen alle das einzig wahre.

      Die PVA ist ein unfähiger Haufen der einfach jedes noch so kleine Schlupfloch nutzt um die Klienten bei den Gutachten zu drangsalieren.

    4. Ja, ähnliche Situation bei mir. Weiß selbst nicht wies weitergehen soll, aber habe zumindest mal meine Klage gegen die PVA gewonnen und jetzt mal ein Jahr Rehageld. (Danke Arbeiterkammer <3 )

    5. longusmaximus420 on

      Warum gehst wegen MS ind Psychiatrie? Da wär ja eher die Neurologie die richtige Anlaufstelle, dort wirst ja auch diagnostiziert worden sein. Oder hat dich das psychisch so mit genommen?

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