Bei jeder Debatte bei uns rund um Generationengerechtigkeit, Pensionen usw. kommt früher oder später das bekannte Argument „Man darf keinen Generationenkonflikt provozieren“; und ich kanns echt nicht mehr hören. Nein, man kann, darf, soll; ganz im Gegenteil, die Jungen sind in Wahrheit noch viel zu handzahm.

    Die Fakten sind eigentlich längst bekannt: Wir haben heute eine Vermögensverteilung, wo die älteren Leute in oder kurz vor der Pension das mit Abstand größte Vermögen aufgebaut haben. (Quelle für Deutschland: https://www.finanzfluss.de/blog/wieviel-geld-sollte-man-gespart-haben/ – ist aber auch bei uns ganz ähnlich). Die Pension, ursprünglich gedacht als Sicherheitsnetz, um im Alter nicht in Armut zu verfallen, hat sich um 180 Grad gedreht: Leute, die zur reichsten Gruppe gehören, erhalten Geld von Leuten, die wenig/nichts haben (und ja nicht nur aus der Pensionsversicherung, sondern auch aus dem Steuertopf). Während die Pension automatisch inflationsangepasst wird, erleiden große Teile der Arbeitnehmerschaft konstant Reallohnverluste; weil die IST-Löhne häufig nicht 1:1 angepasst werden und auch die kalte Progression nur teilweise abgegolten wird.

    Eine zynische Zahl gefällig? Österreich verwendet fast die GESAMTEN Einnahmen aus der Lohnsteuer NUR zur Bezuschussung der Pensionen aus dem Budget (!). Lohnsteuereinnahmen 2024? 36,2 Milliarden: https://www.wko.at/statistik/jahrbuch/budget-steuernahmen.pdf

    Zuschuss für Pensionen geplant? 32,9 Milliarden: https://www.kleinezeitung.at/politik/innenpolitik/19744538/welche-ausgaben-im-pensionSystem-versteckt-ind

    (Die tatsächlichen Ausgaben sind „natürlich“ wesentlich höher, es geht hier ausschließlich um die „Lücke“, die nicht durch die „Versicherung“ gedeckt ist)

    Das Kernproblem geht zurück zur politischen Ökonomie bzw Entscheidungstheorie. In einer Demokratie hat jene Wählergruppe die Macht, die die größte Anzahl an Mitgliedern hat. Das sind hier die Boomer. Schaut man sich die Politik in diversen Staaten/Gesellschaften seit dem 2. Weltkrieg an, ist folgende Tendenz klar ersichtlich: Im ersten Schritt wurde Politik für junge Familien gemacht; da waren die Boomer selber jung. Immobilien waren leistbar, effiziente Familienförderung gabs, Bildung war wichtig, etc. Im zweiten Schritt wurde Politik für Menschen im mittleren Lebensabschnitt gemacht: das damalige Alter der Boomer. Assetpreise haben angefangen, aufzuwerten, die Wirtschaft wurde mittels Staatsausgaben befeuert, Luxusgüter wurden vermehrt produziert. Im dritten Schritt (jetzt) wird Politik für alte Menschen gemacht. Der Status Quo, insbes. bestehende Vermögen, wird um jeden Preis konserviert, die Jungen dürfen das mittels hoher Inflation, hoher Staatsverschuldung, schwächelnder Wirtschaft zahlen.

    Und alles führt immer zurück zu den berühmten Immobilien: Die waren nach dem 2. Weltkrieg tatsächlich leistbar. Luxusanschaffungen waren teuer, aber das Wohnen war gesichert. Oft wird argumentiert, dass es damals auch eine Phase hoher Inflation und hoher Zinsen gab. Das ist gleich doppelt falsch: Die hohe Inflation war primär eine der Verbrauchsgüter und nicht der Immobilien. Die Immobilienpreise haben sich bis in die 90iger hinein eher konstant entwickelt, die Blase war erst später. Und die hohen Zinsen? Die hatten sogar einen Vorteil, weil es damals dafür sehr hohe Sparzinsen gab. Viele Leute konnten sich binnen weniger Jahre ein ordentliches Eigenkapital zusammensparen. Ohne Aktien, ohne ETF, einfach mit Sparbuch. Bei  meinen Eltern gesehen: Ein paar Jahre in der winzigen Wohnung zusammengelebt und dann war das Eigenkapital fürs Haus schon da.

    Hinzu kommt: Das Erbenparadoxon. Man könnte ja sagen, das ist alles halb so wild, irgendwann sterben die Leute ja, dann erbt die nächste Generation, oder? Blenden wir mal aus, dass man damit die Leistungsgerechtigkeit kübelt und dem Neofeudalismus, der Geburtslotterie, das Wort redet: Heute vererben Leute so dermaßen spät, dass die Erben oft selber schon in Pension sind. Das führt zu einem absurden Zustand des intergenerationell „verlorenen Vermögens“, nicht nur für die Einzelperson, sondern für die Gesamtgesellschaft. Große Teile des Effizienzgewinns der letzten Jahrzehnte sind in Assets gebunkert, die den Leuten, die sie mal erben, nicht einmal was bringen, weil sie dann selber schon zu alt sind. Dh. die Jungen müssen zusätzlich darauf hoffen, dass die Alten schon *vorher* ihr Vermögen aufteilen bzw verschenken, es auf diese Weise wieder irgendeinem realen Nutzen zuführen.

    Zum Abschied noch als Exkurs mein persönliches Praxisbeispiel: Ich bin Einzelkind. Mutter bereits gestorben, Vater lebt noch, ca. 70. Er hat ein längst abbezahltes Haus am Land, das er regelmäßig saniert, das daher gut in Schuss ist (erst letztes Jahr neue Fenster). Er bekommt ca. 4k Nettopension. Er hat mehrere Baugründe im erweiterten Speckgürtel, in der Familie seit Urzeiten, war irgendwann mal Krautacker. Alles ohne Bauzwang oder Hauptwohnsitzbegründungspflicht. Zusätzlich noch ein Aktienportfolio. Hat man natürlich in dem Alter. Er hat mir im Lauf der Jahre schon ca. 100k fürs Rückzahlen meines Immobilienkredits gegeben und bietet mir trotzdem regelmäßig an, ob er mir nicht einen Dauerauftrag für 500-1000 Euro einrichten soll, weil er braucht das Geld nicht. Wenn er stirbt, werde ich das alles erben. Viel mehr, als ich jemals selber erarbeiten, aufbauen könnte. (Wenns nach der ÖVP geht: auch weiterhin völlig steuerfrei.)

    Aber nur kein Generationenkonflikt? Sorry, aber in Wahrheit müssten die Jungen wöchentlich Demos am Heldenplatz abhalten.

    "Man darf keinen Generationenkonflikt provozieren" – doch kann, darf, soll man
    byu/Odra_dek inAustria



    Von Odra_dek

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    4 Kommentare

    1. wantilles1138 on

      Ich werde wohl wieder downgevotet, aber ich bin der Meinung, dass es ab einem gewissen Alter nicht mehr erlaubt sein soll, zu wählen. Gerade die aktuelle in Pension gehende Boomer Generation richtet unendlich Schaden an mit ihrem Wahlverhalten.

    2. Ja, es wäre längst Zeit für Änderungen.

      Ziel sollte meiner Ansicht nach eine Basispension sein. Alles was über die hinaus geht kann man sich ja selbst organisieren, bei gewissen Formen gerne mit Steuerzuckerl was weiß ich Kapitalerträge steuerfrei bei Mindesthaltedauer x bis zu Betrag y oder so.

      Ich sehe nicht ein warum sich der Staat um die Verwaltung, Auszahlung usw. von „Luxuspensionen“ kümmern soll. Natürlich kann und soll man die in einem Rechtsstaat nicht abdrehen, aber das System sollte ausgeschlichen werden.

    3. modimusmaximus on

      Nur kurze Anmerkung zu ganz vielem Korrektem, was du schreibst: es ist prinzipiell vollkommen in Ordnung, wenn ältere Leute mehr Vermögen haben. Sie haben schließlich auch mehr Zeit gehabt, sich das aufzubauen und entweder direkt dafür gearbeitet oder das Vermögen mit der Zeit steigen lassen.

    4. starboy1405 on

      An dem System wird festgehalten koste es was es wolle (den jungen). Statt umdenken wird gegen Ausländer etc. gehetzt und alle im „Mittelstand“ werden schleichend enteignet. Kann nur jedem den Podcast Gary’s Economics empfehlen – ob es eine deutsche Version gibt weiß ich leider nicht – er fasst das alles einfach und treffend zusammen.

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