Triggerwarnung: physische und psychische Gewalt, Vernachlässigung, Drogenkonsum

    Ich schreibe das aus persönlichen Gründen, da es meiner Ansicht nach genug Gründe gab, jemanden Professionellen zu rufen und es mir sehr nah geht.
    Hier ein Link vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Abteilung Schulpsychologieder diese Frage beantworten soll:
    https://www.schulpsychologie.at/schulpsychologie

    Im Unterricht war ich unkonzentriert und schaute sehr viel aus dem Fenster, wofür ich auch sehr oft ermahnt wurde. Ich war zappelig, aber habe den Unterricht nicht gestört. Ich hatte keine Motivation zum Lernen, aber wenig Schwierigkeiten außer in Deutsch, wegen meiner Rechtschreibschwäche. Dafür war ich in Mathe umso besser. Ich habe oft Hausaufgaben, Schulsachen und Mitteilungen für meine Eltern vergessen.

    Meine Noten gingen auf und ab. Bei schlechter Schulleistung wurde ich von meinem Vater (Alkoholiker) sehr hart bestraft (Schläge, Beleidigungen, Erniedrigungen). Danach wurde alles sehr streng kontrolliert, und ich durfte nichts anderes tun außer lernen. Selbst wenn ich die Hausübung gemacht hatte, aber ein Fehler darin war, wurde ich bedroht oder bestraft. Meine Rechtschreibschwäche hat alles noch viel schlimmer gemacht.
    Bei guten Noten war er wieder völlig entspannt. Meine Mutter war selten zu Hause, weil sie arbeiten musste, weswegen mein Vater meine einzige Bezugsperson war.

    Ich hatte Angst, Fehler zu machen. Um Strafen zu entgehen, habe ich meinen Vater und die Lehrer angelogen, absichtlich etwas „vergessen“ einfach alles getan, damit er nichts mitbekommt. Aber das half nichts, da er es natürlich herausgefunden hat. Schon in der 2. Klasse Volksschule habe ich seine Unterschrift gefälscht. Er hat es herausgefunden, ich musste es meiner Lehrerin zeigen. Sie war enttäuscht und sauer, aber sie hat sich nicht gefragt, warum ein 7- oder 8-Jähriger Unterschriften fälscht.

    Er starb, als ich 11 war (2. Klasse NMS / 6. Schuljahr). Damals war ich am Boden zerstört, aber retrospektiv bin ich froh, weil die einzige Sache, die wir zusammen unternommen haben, war, dass er mich mit zur Bar nahm und sich mit seinen Kumpels besoff. Ab 14 darf man Bier und Wein trinken, wenn ein Elternteil dabei ist er hätte mich als Alkoholiker erzogen.

    Nach seinem Tod mussten wir unseren Hund abgeben, und wir sind 200 Kilometer weit weggezogen (meine Mutter war krank, und meine Halbschwester wohnte dort). Dann kam mein 12. Geburtstag all das passierte innerhalb von 30 Tagen.

    Ich war in einer neuen Schule, und meine Noten gingen bergab. Es war eine Montessori-Schule, und damit kam ich nicht klar. Also wechselte ich im 2. Semester in eine andere Klasse, in der das gewöhnliche Schulsystem war. Meine Noten wurden besser, aber trotzdem blieben sie unter dem Durchschnitt.

    Im Sommer sind wir wieder umgezogen, weil die Wohnung voller Schimmel war. Es war zwar nur die Nachbarstadt, aber die 7. Schulstufe besuchte ich erneut an einer anderen Schule. In der Montessori-Schule wurde die „Regelschulklasse“ sowieso langsam aufgelöst. In der neuen Schule hatte ich einen Klassenkameraden, den ich bereits kannte.

    An einem Tag, in der Früh, in der ersten Pause, gratulierte er mir zum Geburtstag (13). Keine Minute später fing ich an zu weinen. Zwei Stunden später wurde ich abgeholt, weil ich nicht aufhören konnte. Eine Lehrerin fragte mich, warum. Ich konnte nur sagen: „Ich weiß nicht, vielleicht weil Papa gestorben ist.“ Das war das Einzige, was Sinn machte. In meinem Kopf hatte ich keinen wirklichen Grund es war ja mein Geburtstag, und ich dachte nicht an seinen Tod. Heute glaube ich, dass ich einen Burnout hatte und mein Unterbewusstsein einfach zusammengebrochen ist.

    Innerhalb von 14 Monaten habe ich so viel verloren und war in 3 verschiedenen Schulen und das auch noch in 4 Klassen. Zum Glück war am nächsten Tag alles „normal“, und ich wurde nicht ausgelacht oder gemobbt. Ich hoffe zumindest, dass es jemand aus der Klasse erklärt hat.

    Im Dezember der 8. Schulstufe sind wir zurückgezogen nur 4 Kilometer von dem Ort entfernt, wo ich aufgewachsen bin. Also hätte ich glücklich sein sollen war ich aber nicht. In der neuen Schule war ich jedoch eher ein Außenseiter. Es fiel mir schwer, mich einzugliedern.

    In 4 Jahren war ich an 4 verschiedenen Schulen. In meinen 8 Schuljahren oder eher in diesen 4 Jahren gab es genug Gründe, dass jemand hätte eingreifen müssen. Ich hatte viele Lehrer.

    Danach war ich an einer Polytechnischen Schule, und anschließend habe ich meine Lehre begonnen.

    Mit 17 Jahren habe ich angefangen, mit Substanzen zu experimentieren. Cannabis half mir beim Reflektieren, und durch MDMA kam mir der Gedanke, dass ich ADHS haben könnte. Also suchte ich einen Psychotherapeuten auf. Im letzten Lehrgang an der Berufsschule habe ich mich selbst medikamentös behandelt und hatte zum ersten Mal nach all den Jahren ein gutes Zeugnis.

    Ich bin jetzt 21 Jahre alt und wurde mit 19 von einem Psychologen positiv auf ADHS (gemischt) und OCD diagnostiziert mit Verdacht auf Depressionen. Zusätzlich hat mein Therapeut PTS und Verdacht auf eine nicht näher bezeichnete Persönlichkeitsstörung (NNB-PS) festgestellt.

    In all den Jahren hätte es nur eine Person gebraucht, die genau hinschaut dann hätte ich zumindest Hilfe gehabt und meine. Hatte ich nicht die richtigen Lehrer? War ich nicht in genug oder den richtigen Schulen? War es ihnen egal? Wird ihnen das nicht auch gelehrt?

    Wann werden Schulpsychologen gerufen?
    byu/AnonymerExSchueler inAustria



    Von AnonymerExSchueler

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    6 Kommentare

    1. DigitalStreetwork_AT on

      Hallo, es tut mir leid zu lesen, was du alles durchmachen musstest. Gleichzeitig finde ich das extrem stark von dir, dass du dich so durchgekämpft hast in diesen schwierigen Situation mit den vielen Schul- und Klassenwechseln. Deine Stärke sieht man auch, dass du in Therapie bist und dir aktiv Hilfe suchst. Das ist meiner Meinung nach der richtige Schritte gewesen.

      Warum das niemanden aufgefallen ist? Das ist wirklich schwer zu sagen. Zwischen Theorie und Praxis gibt es halt doch immer wieder große Unterschiede. Bei manchen fällt es auf, denen kann geholfen werden. Manche sind noch nicht bereit, Hilfe anzunehmen oder es gibt viele andere Gründe. Ich glaub nicht, dass es da einen Schuldigen gibt, auch wenn dein Fall mit den vielen Schulen schon extrem ist.

      Wir von Digital Streetwork versuchen natürlich auch zu helfen. Wir sind keine Therapeuten und auch kein Ersatz für Therapie. Wir hören aber gerne zu und helfen bzw. vermittelten so gut wir können.

      Wenn du als mal wen zum Reden brauchst, sind wir auch gerne für dich da. Hier auf Reddit (alle unsere Mods auf r/Digital_Streetwork_AT sind Teil des Teams) oder hier:

      [www.digital-streetwork.at](http://www.digital-streetwork.at)

      Immer kostenlos und anonym.

      Alles Gute!

    2. Solange du den Unterricht nicht störst, interessieren sich durchschnittliche Lehrer nicht dafür wie es dir geht. Und wenn du gerade neu bist, werden auch fürsorgliche Lehrer wohl erst mal beobachten, bevor sie sich bei deinen Eltern melden. Da war in deinem Fall wohl leider oft keine Zeit.

      Und so oder so dürfen die einen nicht einfach zu einem Psychologen schicken, sondern müssen das erst mit den Erziehungsberechtigten klären. Und das ist gut so. Da draußen laufen zu viele Theoretiker mit Hakerllisten herum, die bei jedem introvertierten Kind gleich mal Autismus vermuten.

      Tut mir sehr leid, das du das alles dirchmachen musstest. Aber es wirkt als hättest du dich trotz allem sehr gut entwickelt! Sei retrospektiv nicht zu hart zu deinem Vater, er scheint es auch nicht einfach gehabt zu haben und so wie du es schilderst, bemühte er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten.

    3. Gewalt in der Familie war jedenfalls auch damals schon verboten. Viele Kinder wollen ihre Eltern allerdings nicht outen und leiden daher einsam. Umso wichtiger ist es, dass Gewaltschutz und Kinderrechte auch gegenüber den Eltern thematisiert werden. Es sollte grundsätzlich in jeder Schule in regelmäßigen Intervallen Elternabende zum Thema geben. So wie es jetzt ist lässt man die Kinder mit dem Thema allein außer es ist so schlimm, dass sie sich jemandem anvertrauen oder es jemandem auffällt. Ich verstehe, dass deine Mutter auch überfordert war mit ihrem Leben. Einen Schulwechsel alle paar Monate hätte man vielleicht vermeiden können. Danke, dass du es thematisierst. So schauen vielleicht mehr hin oder trauen sich, was zu sagen. Alles Gute für dich!

    4. Julesvernevienna on

      Hey, du hast 4 Jahre deines Lebens mit dem Scheiß „verloren“… es hätte so viel schlimmer ausgehen können. Mit deiner Ausgangssituation in so ein Loch zu rutschen passiert schnell und leider vielen. Aber da wieder raus zu kommen … Hut ab!

      Zu deiner Frage im Titel:
      Vor unserer Schule is ein Schüler zamgeführt worden und gestorben. Alle Schüler die irgendwie am Unfallsort gesehen wurden, auch wenn sies gar nicht richtig mitbekommen haben, sind zum Schulpsychologen geschickt worden.
      Wie mein Papa (ich war 15) gestorben ist wurde Schulpsychologe aber auch mit keinem Wort erwähnt, auch nicht ggü meiner Mum

    5. Western_Bowler2654 on

      Lehrer hier: Schulpsychologie kann leider von uns Lehrern nicht gerufen werden da hierfür das Einverständnis der Eltern notwendig ist für ein Einzelsetting
      Deine Probleme klingen echt Scheisse und gute Besserung aber solche Probleme sind nur schwer „anzeigbar“ solang es nicht gegen dein Leib und Leben geht (kein essen, Gewalt, vernachlässigung deiner Grundbedürfnisse)
      Ich kann Fälle wie deine schon melden ans Amt aber da passiert halt leider nix…

    6. garlic-and-lavender on

      Bei mir hat es auch niemand interessiert und ich bin eher im Gegenteil von den Lehrpersonen mit runtergemacht worden anstatt das irgendjemand hilft. Einmal wurden Mediatoren geholt und das Ergebnis war dass ich mich in den Pausen nicht mehr in der Klasse aufhalten durfte damit die anderen nicht sehen müssen wie ich weinen. Also selbst 8h am Tag unkontrolliert vor allen weinen ist kein Grund irgendwie Hilfe angeboten zu bekommen.

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