
Anlässlich des heutigen Vatertages und weil ich gerade diesen Artikel gelesen habe:
https://orf.at/stories/3396094/
und mich das Thema auch aus persönlichen Gründen sehr interessiert, möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch von meinen Erfahrungen als Vater zu berichten, was Kinderbetreuung und Karenz angeht und vielleicht einigen (angehenden) Vätern hier Mut machen.
Als meiner Frau und mir damals klar wurde, dass wir eine Familie gründen und auch mal Kinder haben wollen, war für mich eigentlich von Anfang an klar, dass ich auch eine entscheidende Rolle in der Erziehung und Betreuung meiner künftigen Kinder spielen will. Immer, wenn ich meinen damaligen Kollegen gesagt habe, dass ich mal in Väterkarenz gehen werde, wenn ich Kinder habe, wurde ich milde belächelt, bis offen ausgelacht – das war vor über 10 Jahren und für viele einfach unvorstellbar und komplett lächerlich.
Vor 8 Jahren habe ich dann Job gewechselt in einen großen Produktionsbetrieb in die 4er-Schicht und kurz nach dem Wechsel war dann auch das erste Kind unterwegs. Für mich war zu dem Zeitpunkt natürlich völlig unklar, wie die neuen Kollegen und vor alllem die Vorgesetzten reagieren würden, wenn ich in Karenz gehe. Aber wir haben unseren Plan umgesetzt:
Meine Frau ist bis zum 1. Geburtstag des Kindes in Karenz gegangen und danach war ich für 1 Jahr in Karenz und sie ist wieder Vollzeit zurück in die Arbeit.
Die Reaktion meines Vorgesetzten hat mich ehrlich gesagt völlig überrascht: Eines Tages bin ich zu ihm und habe einfach gesagt, dass ich hiermit offiziell meinen Karenzantrag abgebe. Man muss dazu sagen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt von niemandem in der Firma gehört hätte, dass er in Väterkarenz gegangen sei und schon gar nicht ein "Schichtler". Seine Worte, ich zitiere: "Hmm, jo eh. Eigentlich muss man heutzutage eh damit rechnen, dass die Männer auch in Karenz gehen." Wie ich ihm dann gesagt habe, dass ich ein ganzes Jahr nehme, war er schon sehr überrascht, aber auch das war absolut kein Problem.
Als es dann "Ernst” wurde, war ich ehrlich gesagt schon sehr nervös 😉 So ganz allein den ganzen Tag und ich allein verantwortlich für das Wohlergehen meines kleinen Kindes – was wenn ich etwas falsch mache?
Aber nach den ersten paar Wochen war da ganz schnell eine effiziente Routine drin. Das Jahr ist unglaublich schnell vergangen und es hat mir ehrlich gesagt schon etwas das Herz gebrochen, als ich wieder zurück in die Arbeit bin und mein Kind nicht mehr den ganzen Tag gesehen habe.
Während meiner Karenzzeit, war dann auch schon Kind Nr. 2 “unterwegs” und das Timing war wirklich so perfekt, dass meine Frau gleich zum Ende meiner Karenz wieder in Mutterschutz ging.
Beim 2. Kind war dann (auch in meiner Arbeit) eigentlich schon allen klar, dass wir das wieder genauso wie bei Kind Nr. 1 machen werden und in meiner Arbeit war das Anmelden der Karenz nur mehr ein reiner Formakt und es hat niemand mehr eine Augenbraue deswegen gehoben – ganz im Gegenteil: einige meiner Schicht-Kollegen waren sehr interessiert und haben mir Löcher in den Bauch gefragt, wie das Ganze so abläuft, von den Anträgen und finanziell und wie das alles gesetzlich ist; die wussten teilweise nichtmal, dass sie als Väter Anspruch auf Karenz haben!
Nachdem meine Frau ihren Job wirklich gern macht und auch unbedingt wieder Vollzeit arbeiten gehen wollte, haben wir uns darauf geeinigt, dass nach Ende der Karenzzeit ich in Elternteilzeit gehen werde.
Ich habe also gegen Ende meiner Karenzzeit bei meinem Vorgesetzten meinen Antrag auf Elternteilzeit für 20 Wochenstunden und meinen gewünschten Arbeitszeiten abgegegen. Schicht war dann natürlich nicht mehr möglich.
Und auch in diesem Fall war die Reaktion in meiner Firma wieder extrem positiv! Ich habe so eine Art “Assistenz”-Stelle bei meinem Abteilungsleiter bekommen und war ab diesem Zeitpunkt im Büro tätig. Dank Gleitzeit waren meine Arbeitszeiten sehr flexibel und wenn ich mal spontan wegen den Kindern weg musste oder zuhause bleiben, weil jemand krank ist, war das auch absolut kein Problem.
Nach ca. 1 Jahr ist dann der Bereichsleiter unseres Projekmanagements, mit dem ich immer wieder im Zuge meiner neuen Tätigkeiten etwas zu tun hatte, auf mich aufmerksam geworden und hat mich quasi intern “abgeworben” und ich bin, trotz meiner 20h Elternteilzeit, in eine viel besser bezahlte Position gewechselt und habe dort ehrlich gesagt meinen bisherigen Traumberuf gefunden.
Als mein ältestes Kind letztes Jahr in die Schule kam, habe ich dann auf 30 Wochenstunden erhöht und mittlerweile auch einige Beförderungen und Gehaltserhöhungen bekommen und verdiene mittlerweile mit 30h mehr als vorher mit 40 Stunden inklusive Schichtzulagen.
So schauts momentan aus…
Eventuell noch zu den Details unseres Karenzmodells: ich weiß nicht, wie es derzeit aussieht gesetzlich, aber damals hatten wir die Wahl zwischen dem Pauschal-System (es gibt einen Gesamt-Betrag und dieser wird auf die Dauer der gesamten Karenzzeit monatlich aufgeteilt ausbezahlt, das heisst, je länger man Karenz nimmt, umso weniger bekommt man monatlich) und dem Gehaltsabhängigen Modell, bei dem man bis zu 80% seines Gehaltes bekommt, allerdings bei ca. €2000 monatl. gedeckelt, allerdings für maximal 14 Monate.
Wir haben das durchgerechnet und es war ganz klar, dass wir trotz einer Karenzzeit von insgesamt 2 Jahren mit dem gehaltsabhängigen Modell viel besser fahren. Praktisch hat das dann bedeutet, dass ich nur die ersten 2 Monate meiner Karenzzeit auch Kinderbetreuungsgeld bezogen habe und die restlichen 10 Monate nichts mehr. Aber das wussten wir ja und haben entsprechend geplant.
Ein “Problem” mit diesem System allerdings: es gibt ja (oder gab zumindest damals) den “Partnerschafts-Bonus”, das waren €2000, die man bekommt, wenn man sich “die Karenzzeiten annähernd 50/50 aufteilt”. Was wir ja gemacht haben. Allerdings sind wir trotzdem um diesen Bonus umgefallen, da sich die Berechnung der “Karenzzeit” nach der Bezugsdauer des Kinderbetreuungsgeldes richtet und nicht nach der tatsächlichen Karenzzeit. Und so gesehen war meine Frau dann natürlich 10 Monate in Karenz und ich nur 2 Monate – ja, deppertes System völlig an den Lebensrealitäten vorbei, aber sowas kennen wir ja schon von der österreichischen Bürokratie.
Also abschließend kann ich nur folgendes sagen:
Männer, trauts euch einfach!
Ich hab auch vorher nicht gewusst, wie meine Vorgesetzten reagieren werden und im Nachhinein war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens und hatte absolut keine Nachteile in der Arbeit für mich, ganz im Gegenteil, ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne meiner Kinderbetreuungszeit jetzt auch da wäre, wo ich bin Karrieretechnisch oder ob ich nicht immer noch in der Schicht arbeiten wüde.
Ich möchte die Zeit mit meinen Kinder nicht mehr missen und habe, rein subjektiv gesehen, im Vergleich zu anderen Vätern, die ich kenne und die typische “Arbeits-Papas” sind, die ihre Kinder eventuell kurz Abends oder am Wochenende sehen, ein ganz anderes Verhältnis zu meinen Kindern.
Ja, das ist jetzt eine ziemliche Wall of Text geworden, sorry, aber ich wollte das einfach mal gesagt haben 😉 Natürlich könnt ihr mich in den Kommentaren nach weiteren Details fragen und ich werde versuchen, so weit es geht, alles zu beantworten.
Vatertag, Väter und die Kinderbetreuung
byu/Mormegil81 inAustria
Von Mormegil81
6 Kommentare
Ich hab zwar weder Kinder (leider, hat bei uns nicht funktioniert) noch bin ich ein Mann, aber ich find deinen Beitrag großartig! Ich freu mich sehr für dich und deine Kiddies und wünsch mir, dass viel mehr Kinder so aufwachsen können, mit lieben Papas die gern bei ihnen zuhause sind.
Sehr spannend, danke dass du das mit uns teilst. Echt super, dass du gleich zweimal ein ganzes Jahr zu Hause geblieben ist. Das ist wirklich selten. Bist du dann auch während der Karenz zur Bezugsperson #1 geworden oder hat die Mama, also deiner Frau, wie so oft den ersten Platz in der Gunst der Kleinen behalten? Wie ist es deiner Frau in der Karenz emotional gegangen?
Finde das super, wie dein Betrieb reagiert hat!
Wir sind gerade auch Eltern geworden und da ich selbstständig bin (GmbH mit Mitarbeitern, daher keine Ruhendstellung möglich), geht mein Mann (Angestellter in einem anderen Unternehmen) in Karenz.
Wir sind am Land – ich wurde nicht nur einmal gefragt, ob ich denn mein Kind dann mit in den (Handwerks-) Betrieb nehme (sic!).
Auf die Antwort,dass mein Mann in Karenz geht folgte fast immer ein großes Fragezeichen. Wie denn das geht… Fast wirkt es auf mich, als ob das als unmännlich empfunden wird. Manche dachten ernsthaft, dass der Betrieb die Karenz „bezahlt“ und teuer für die Firmen ist – hier herrscht einfach noch immer ganz große Unwissenheit.
In Wahrheit ist es komplett wurscht – ich muss ja auch immer damit rechnen, dass sich ein MA verletzt, krank wird oder einfach kündigt. Trotzdem – im ländlichen (oft mittelständischen) Bereich echt noch nicht angekommen….was sehr schade und ein bisschen peinlich ist im Jahr 2025.
Danke fürs Teilen! Es sollte viel mehr über Arbeitgeber geredet werden die damit so positiv umgehen.
Cool, dass du das durchgezogen hast! Ich konnte das damals aus gesundheitlichen Gründen (Epilepsie) nicht machen.
Ich bin Papa von 3 Kindern und bin bei allen 3 Kindern jeweils ein halbes Jahr in Karenz gegangen.
Es war überhaupt kein Problem.
Beim ersten Kind hat man noch zu den Exoten als Karenzpapa gehört, doch bei den anderen hat man auch schon andere Väter gesehen.
Hat es sich finanziell rentiert? Sicher nicht
War es die Zeit mit den Kindern wert? Alle mal