Die EU-Kommission will Reisende künftig stärker in weniger bekannte Städte und Regionen locken. Dafür sollen neue grenzüberschreitende Reiserouten entstehen und das Reisen innerhalb Europas, ob mit dem Mietwagen oder dem öffentlichen Nahverkehr, erleichtert werden. Das geht aus dem Entwurf der „Nachhaltigen Tourismusstrategie“ vor, die die Kommission am Mittwoch vorstellen will und der unserer Redaktion bereits exklusiv vorliegt.

    Während sich in Florenz oder in Venedig in der Hochsaison Touristen durch überfüllte Städte schieben und sich in Amsterdam die Bewohner darüber beklagen, dass Ferienwohnungen für steigende Mieten sorgen, stehen abseits der Besuchermagneten etliche historische Städte, Industrielandschaften und ganze Regionen bei ausländischen Urlaubern kaum auf dem Reiseplan. Es gehe darum, „einen unausgewogenen Tourismus“ zu vermeiden und die Menschen dazu einzuladen, das weniger bekannte Europa zu entdecken, sagt Eric Drésin, der Chef des europäischen Reise-Dachverbands ECTAA.

    Massentourismus in Europa: So will die EU dagegen vorgehen

    Die wirtschaftlichen Vorteile des Tourismus sollen sich nach dem Willen der Kommission gleichmäßiger über Regionen und Jahreszeiten verteilen. Sie spricht von einer „Verschiebung von Quantität zu Qualität“. Und setzt unter anderem auf eine gemeinsame Vermarktung. Unter dem Titel „Europäische Entdeckungsrouten“ sollen Städte und Regionen grenzüberschreitende Reisewege entwickeln. Wie das funktionieren könnte, zeigen einige bereits existierende Angebote. Die europäische Route der Industriekultur etwa verbindet ehemalige Zechen, Fabriken und Technikmuseen über Ländergrenzen hinweg. Nach einem ähnlichen Prinzip könnten künftig Gegenden gemeinsame Reisen entwickeln und international vermarkten. Bis 2028 will die EU dafür die Tourismuswerbung unter einem Dach ausbauen.

    Routen „europäisch zu verbinden und gemeinsam zu vermarkten“ bezeichnet Olaf Bentlage vom Deutschen Tourismusverband als „guten Ansatz“. Erhebliches Potenzial sieht er etwa in vielen ländlichen Gegenden in Deutschland, die touristisch erschlossen, aber international kaum bekannt seien. Trotzdem kritisiert er, dass die Vorschläge wirkten wie „ein Zusammenschreiben von Ideen, die es schon gibt“. Bentlage fordert vorneweg mehr Geld. Denn gelangen Besucher, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, leicht in die Lüneburger Heide oder in den Thüringer Wald? „Sichtbarkeit allein reicht nicht“, sagt er. „Es wäre schön, wenn es finanzielle Unterstützung gäbe.“ Leider würde touristische Infrastruktur stets als „Zusatz- und nicht als Hauptaufgabe“ betrachtet. Wenn das Geld knapp werde, bleibe dafür wenig übrig.

    Tourismus-Strategie der EU: Mietwagennutzung soll einfacher werden

    Die Kommission will zwar die Zusammenarbeit stärken, neue Angebote anregen und Regionen beraten. Einen eigenen Fördertopf kündigt sie aber nicht an. Für die Jahre 2021 bis 2027 verweist die Behörde auf rund 18 Milliarden Euro, die aus bestehenden EU-Programmen in den Tourismus fließen. Wie neue Entdeckungsrouten konkret organisiert und bezahlt werden sollen, ist offen.

    Zumindest beim Reisen selbst aber will die EU konkreter werden. Bis 2027 soll ein Gesetz vorliegen, das die grenzüberschreitende Nutzung von Mietautos einfacher und günstiger machen soll. Wer heute mit einem Leihwagen mehrere EU-Länder bereist, muss oft zusätzliche Gebühren oder Einschränkungen in Kauf nehmen. Zudem nimmt sich die Kommission den Nahverkehr vor. Wer im Urlaub in Frankreich oder Polen Bus, Straßenbahn oder U-Bahn benutzen möchte, muss sich häufig erst durch fremde Tarife und Buchungssysteme arbeiten. Bis 2028 will Brüssel prüfen, wie sich die Systeme der Verkehrsverbünde besser miteinander verbinden lassen. 

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