Die US‑Zwischenwahlen 2026 haben zu einer der deutlichsten Niederlagen eines Präsidenten in der jüngeren amerikanischen Politikgeschichte geführt. Die Demokraten haben die Republikaner klar zurückgedrängt. Sie kontrollieren jetzt mit Senat und Repräsentantenhaus beide Kammern im US-Kongress und sie haben Gouverneursposten im ganzen Land gewonnen. Für den US-Präsidenten ist das ein schwerer Rückschlag.Donald Trump stand nicht direkt zur Wahl. Die Wähler haben seiner unpopulären Regierung jedoch ein vernichtendes Urteil ausgestellt. Nun muss er seine letzten beiden Amtsjahre allerdings mit geschwächter Autorität antreten. Seine Gegner fühlen sich gestärkt, der Präsident ist angezählt.Für Europa stellt sich nun die Frage, ob ein geschwächter Trump am Ende gefährlicher wird.’Mad dog‘ oder ‚lame duck‘?Die Europäische Union hat in den vergangenen zwei Jahren mehrere Schläge aus Washington verkraften müssen, bei Sicherheit, Handel und Energie. Da Trumps innenpolitische Pläne im Kongress auf harten Widerstand stoßen, könnte er sich nun stärker auf die Außenpolitik verlegen, wo er mehr Spielraum hat. So könnte er versuchen, die Initiative zurückzugewinnen und seine politische Bilanz auszubauen.„Er wird eher ein ‚mad dog‘ als eine ‚lame duck‘ sein“, sagte ein EU‑Diplomat Im Gespräch mit Euronews. Also wird er eher als „verrückter Hund“ oder als „lahme Ente“ auftreten.Als ‚lahme Ente‘ werden traditionell Präsidenten beschrieben, die einem feindlich gesinnten Kongress gegenüberstehen. „Die Stimmung ist ziemlich realistisch, niemand erwartet, dass die aktuellen Herausforderungen verschwinden“, so der Diplomat.Der sozialdemokratische Europaabgeordnete Brando Benifei aus Italien, Vorsitzender der Delegation des Europaparlaments für die Beziehungen zu den USA, ist eher besorgt.„Trump könnte in den nächsten zwei Jahren eine noch sprunghaftere Außenpolitik verfolgen. Das könnte Europa weitere Probleme bringen. Seine Entscheidungen zu Ukraine und Nahost werden starke Auswirkungen auf uns haben“, sagte er Euronews.Vom Krieg bis zum Handel, das könnte Europa nun erwarten.Energiekrise: keine schnelle EntspannungDer Krieg im Iran, der Europa in eine Energiekrise gestürzt hat, gehört zu den dringendsten Sorgen unter EU‑Diplomaten und Abgeordneten.„Die Wahlen selbst werden die Energiepreise nicht senken. Entscheidend ist, ob die Vereinigten Staaten und der Iran Schritte zur Deeskalation gehen“, so der rumänische Mitte‑rechts‑Abgeordnete Virgil‑Daniel Popescu zu Euronews.Für Europa wäre ein Abkommen zwischen Washington und Teheran über die Wiederöffnung der Straße von Hormus der größte Durchbruch. Iran hat die wichtige Schifffahrtsroute seit Beginn des Krieges am 28. Februar weitgehend blockiert, nur im Juni war sie kurzzeitig wieder offen. Strenge Beschränkungen für die Schifffahrt treiben die Energiepreise weiter nach oben.Ein feindlich gesinnter Kongress könnte den Druck auf Trump erhöhen, den Konflikt zu beenden, da die Demokraten mehr Einfluss auf die Bundesausgaben und Untersuchungen des Kongresses gewinnen.Der Kongress hat verfassungsmäßig die Befugnis, Krieg zu erklären, und kann Gesetze beschließen, die ein Ende des US‑Militäreinsatzes verlangen. Trump könnte gegen ein solches Gesetz jedoch ein Veto einlegen. Für eine Überstimmung wären Zweidrittelmehrheiten in beiden Kammern nötig, ein hohes Hindernis, selbst nach den Zugewinnen der Demokraten.Nach seiner Wahlniederlage hat Trump die Aussicht auf weitere Angriffe gegen Iran heruntergespielt und eine mögliche Deeskalation angedeutet. Gleichzeitig betonte er, die USA seien bei Bedarf weiterhin „locked and loaded“.Dimitar Likov, leitender Forscher am Wilfried Martens Centre for European Studies in Brüssel, glaubt nicht an eine schnelle Wende.„Ich sehe das auf absehbare Zeit nicht passieren, angesichts von Trumps chaotischem Militäreinsatz und der verzweifelten innenpolitischen Lage von [Israels Ministerpräsident] Benjamin Netanjahu“, sagte er Euronews.Lesen Sie auchUkraine: kleiner HoffnungsschimmerIm Gegensatz dazu könnten die Zwischenwahlen einen deutlichen Kurswechsel in Washingtons Umgang mit Russlands Krieg in der Ukraine markieren.Die Abstimmung fand in einer Phase schlechter werdender Beziehungen zwischen Washington und Kyjiw statt. Trump stand in der Kritik, weil er russische Dieselimporte in die USA zugelassen und Sanktionen gegen Moskau gelockert hatte.Von einem demokratisch geführten Kongress wird nun erwartet, dass er den Druck auf Trump erhöht, die militärische Unterstützung für die Ukraine aufrechtzuerhalten. Besonders wichtig ist die weitere Lieferung zentraler Luftverteidigungssysteme und Abfangraketen sowie eine härtere Linie gegenüber Moskau.„Wir hoffen, dass dieser Wandel zu einer reibungsloseren Lieferung militärischer Hilfe für die Ukraine führt“, sagte ein Diplomat Euronews.Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte zunächst nicht öffentlich auf die Wahlergebnisse. Diese kommen zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt in seinem Verhältnis zu Trump. Bei einem Auftritt in Berlin am Dienstag, noch vor Bekanntgabe des Ergebnisses, betonte der ukrainische Präsident die Bedeutung anhaltender US‑ und europäischer Unterstützung für Kyjiw.Russland erklärte unterdessen, man hoffe, dass der Ausgang der Wahl Trumps Bemühungen um das, was Moskau als „Friedensregelung“ in der Ukraine bezeichnet, nicht beeinträchtige.Die Demokraten stehen dennoch vor großen Hürden. Sie brauchen parteiübergreifende Mehrheiten, um das Filibuster‑Instrument – also das Herauszögern von Gesetzen durch übermäßig lange Redebeiträge – im Senat zu überwinden. Und Trump kann Gesetze weiterhin druch sein Veto blockieren. Der Einfluss der Demokraten auf die diplomatischen Verhandlungen des Weißen Hauses mit Moskau bleibt begrenzt.NATO: Wie steht es um die US-Truppen in Europa?Trumps Niederlage könnte seine dramatischsten Drohungen, US‑Truppen aus Europa abzuziehen, abschwächen. Sie dürfte jedoch den schrittweisen militärischen Rückzug Washingtons vom Kontinent kaum stoppen.Im Mai haben die USA den Abzug von 5.000 Soldaten aus Deutschland angekündigt. Im Juni begann eine sechsmonatige Überprüfung der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa, deren Abschluss zum Jahresende erwartet wird. Europas Verbündete hoffen, dass die Überprüfung nicht zu weiteren Abzügen führt.Das Pentagon darf die Zahl von 76.000 Soldaten in Europa im Jahr 2026 nicht unterschreiten, ohne dem Kongress zu bescheinigen, dass dies die Sicherheit der USA oder der NATO nicht gefährdet.Ein von Demokraten geführtes Repräsentantenhaus könnte kurzfristig als Schutzschirm dienen. Es ändert aber nichts an der Einschätzung, dass sich Europa bei seiner Sicherheit nicht mehr voll auf die USA verlassen kann.„Eine Verschiebung des Machtgleichgewichts garantiert keinen Kurswechsel. Europa muss weiter mehr für seine eigene Verteidigung und Sicherheit tun“, sagte David McAllister, Europaabgeordneter der Europäischen Volkspartei (EVP, CDU) und Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des Parlaments, im Gespräch mit Euronews.Handel: Chance zum Gegensteuern?Der Sieg der Demokraten dürfte die US‑Handelspolitik kaum grundlegend verändern. Trump behält die Kontrolle über Zölle und Handelsabkommen.Brüssel und Washington sind derzeit durch ein im Juli 2025 geschlossenes Handelsabkommen gebunden. Es setzt US‑Zölle auf die meisten EU‑Waren auf 15 Prozent und verpflichtet die EU, Zölle auf US‑Industriegüter abzuschaffen.Die Niederlage könnte Trumps Ärger über Handelspartner anfachen und zu neuen Zollandrohungen führen. Ähnliches gab es schon, als er EU‑Mitgliedstaaten wegen ihrer Digitalgesetze mit Strafzöllen drohte. Die Demokraten könnten ihren größeren Einfluss im Kongress aber auch nutzen, um den Präsidenten unter Druck zu setzen und für mehr Stabilität in der US‑Handelspolitik zu werben.Ob dieser Druck den Europäern zusätzliche Ausnahmen aus dem US‑Abkommen verschaffen kann, ist offen. Sie bemühen sich weiter darum, diese Zölle für bestimmte Produkte zu senken. Brüssel versucht zudem, die Zölle der USA von 50 Prozent auf Stahl zu senken.„Die Einhaltung des Turnberry‑Abkommens ist von entscheidender Bedeutung“, sagte EU‑Handelskommissar Maroš Šefčovič am Mittwoch und ergänzte, er stehe „weiter in regelmäßigem Kontakt“ mit seinen US‑Ansprechpartnern.Einige EU-Abgeordnete gehen noch weiter. Sie fordern die Kommission auf, das Abkommen neu zu verhandeln, jetzt, da Trump politisch geschwächt ist.„Zölle haben die Marktbedingungen für europäische Exporte in die USA deutlich verschlechtert. Dieses Abkommen braucht eine Überprüfung“, sagte Pasquale Tridico, Europaabgeordneter der Linksfraktion.
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