Von Hartmut Jenner, Vorstandsvorsitzender Alfred Kärcher SE & Co. KG
Zuerst veröffentlicht am
31. Oktober 2026 – 9:30 MEZ
Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.
Wir erleben in Europa seit einiger Zeit den perfekten Sturm. Geopolitische Krisen werfen ihre Schatten auf die europäische Volkswirtschaft. Die unberechenbare Handelspolitik der USA droht immer wieder unvermittelt mit Zöllen und Schutzmauern – ein giftiges Szenario für den freien Welthandel und exportstarke Unternehmen.
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Gleichzeitig agiert China längst nicht mehr als Billigproduzent, sondern als technologisch hoch aggressiver Wettbewerber, der mit seiner enormen Geschwindigkeit europäischen Schlüsselbranchen auf Zukunftsfeldern den Rang abzulaufen droht.
Was oft als reine technologische Überlegenheit oder gar Innovationskraft wahrgenommen wird, ist jedoch größtenteils das Ergebnis einer gezielten staatlichen Industriepolitik. Massive Subventionen in strategischen Schlüsselindustrien sowie eine künstlich auf Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtete Währungspolitik führen zu spürbaren Marktverzerrungen und Überkapazitäten.
Für privatwirtschaftlich kalkulierende Unternehmen entsteht so ein Ungleichgewicht, das fairen globalen Wettbewerb geradezu unmöglich macht.
Europa droht Deindustrialisierung
Die Folgen für das industrielle Herz Europas sind besorgniserregend. Der Verlust von zehntausenden Industrie-Arbeitsplätzen und das schwindende Produktionsvolumen zeigen: Die Deindustrialisierung ist keine abstrakte Gefahr, sie findet statt.
Wenn in deutschen Schlüsselindustrien wie dem Automobil– oder dem Maschinenbau Standortschließungen und Produktionsverlagerungen verhandelt werden, muss auch dem optimistischsten Beobachter klar sein: Wir stehen an einer kritischen Zäsur.
Als Familienunternehmen mit 170 Firmen in 87 Ländern ist Kärcher dank seines ausbalancierten Geschäftsmodells zwischen B2B (Anmerkung der Redaktion: Business to Business, d.h. Geschäftskunden) und B2C (Anmerkung der Redaktion: Business to Consumer, d.h. Privatkunden) bedingungsloser Kundenfokussierung bislang robust durch diese stürmischen Zeiten gekommen. Wir investieren kräftig in Forschung und Entwicklung, setzen Maßstäbe bei autonomen Reinigungsrobotern sowie Akku-Technologien und treiben die Digitalisierung in allen Unternehmensbereichen voran.
Doch gegen verhärtete Standortbedingungen und unlauteren Wettbewerb können selbst Innovationsführer nicht dauerhaft bestehen. Angesichts massiv steigender Struktur- und Arbeitskosten lässt sich ein Kapazitäts- oder Beschäftigungsaufbau in der heimischen Produktion betriebswirtschaftlich kaum noch darstellen.
Reformmüdigkeit und Regulierungswut bremsen Investitionen
Zwar stimmen die jüngsten Wirtschaftsprognosen, die das Wachstum für Deutschland in diesem Jahr wieder bei 1,3 Prozent sehen, auf den ersten Blick vorsichtig optimistisch. Wir dürfen uns von diesem zarten Plus jedoch nicht täuschen lassen. Was wir hier sehen, ist zu großen Teilen ‚geliehenes Wachstum‚, künstlich getrieben durch staatliche Sondervermögen, Rüstungsaufträge und Subventionen. Ein kurzfristiger Impuls auf Pump ersetzt keine echte, aus sich heraus tragfähige Erholung der Privatinvestitionen. Und die Ursachen für die anhaltende Schwäche sind zu wesentlichen Teilen hausgemacht: eine schleichende Reformmüdigkeit und eine behördliche Regulierungswut, die Investitionen eher bremst als ermöglicht.
Statt Unternehmertum zu fördern, ersticken Vorgaben von Brüssel bis Berlin den Mut zur Veränderung. Die anhaltende Unsicherheit bei den Menschen in Deutschland hinterlässt auch gesellschaftliche Spuren. Das Erstarken der politischen Ränder ist ein deutliches Signal dafür, dass sich viele Menschen mehr Verlässlichkeit und spürbare Reformen wünschen. Um das Vertrauen in die Wirtschaftskraft und die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts zurückzugewinnen, braucht es jetzt klare Orientierung und mutiges Handeln.
Mir persönlich wurde die Einstellung zum „Schaffen“ schon auf dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in die Wiege gelegt. Erfolg fällt nicht vom Himmel, sondern besteht für mich zu 97 Prozent aus Arbeit und Fleiß, zu 2 Prozent aus Talent und zu 1 Prozent aus Glück.
Wenn wir unseren Wohlstand und unsere Sozialstandards sichern wollen, müssen wir wieder anerkennen, dass Wertschöpfung die Voraussetzung für Wohlstand ist, und nicht umgekehrt. Wer rastet, der rostet – das gilt für Menschen wie für Volkswirtschaften.
Wir brauchen ein Fitnessprogramm für Deutschland
Wir brauchen daher ein echtes Fitnessprogramm für Deutschland. Starre Regeln, überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und stetig steigende Lohnnebenkosten sind Gift für unseren Standort. Wenn die Gesamtsumme der Sozialabgaben die historisch kritische Obergrenze von 40 Prozent dauerhaft weit überschreitet, werden Steuererleichterungen, punktuelle staatliche Förderpakete und Sondervermögen zur wirkungslosen Makulatur, solange die eigentlichen Standortbedingungen verkrustet bleiben.
Die politischen Reformansätze der Bundesregierung gehen zwar in die richtige Richtung, greifen aber viel zu kurz. Statt das Übel an der Wurzel zu packen, lässt man eine Regelungsflut gewähren, die wertvolle Arbeitszeit bindet und unsere Betriebe Millionen kostet. Geld und Personal, die im eigentlichen Geschäft und für Innovationen fehlen, versickern in der reinen Dokumentationspflicht. Das lässt sich nicht mit kosmetischen Korrekturen lösen. Wir brauchen den Mut zur echten Entlastung.
Ein zentraler Hebel dafür wäre beispielsweise ein Kulturwandel im Verwaltungsapparat: Behörden müssen sich künftig als digitale Ermöglicher und dienstleistungsorientierte Partner der Wirtschaft verstehen – pragmatisch, schnell und KI-gestützt. Wenn andere Länder bereits dazu übergehen, Berichtspflichten pauschal zu streichen, muss das Signalwirkung für Deutschland und ganz Europa haben.
Mehr Arbeiten, weniger Bürokratie, entschlossene Handelspolitik
Ebenso wenig dürfen wir vor notwendigen Arbeitsmarktdebatten zurückweichen. Die demografische Entwicklung erfordert eine Erhöhung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens. Anreize für Mehrarbeit, flexible Lebensarbeitszeiten, praxisnahe Regeln bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie spürbare Bürokratieentlastung beim Einsatz von Fachkräften sind unverzichtbar.
Wer solche Debatten reflexartig als Angriff auf Arbeitnehmerrechte verdammt, blendet die Realität aus und gefährdet genau jene Arbeitsplätze, die er zu schützen vorgibt. Gleichzeitig brauchen wir auf europäischer Ebene eine entschlossene Handelspolitik, die fairen Wettbewerb garantiert und Regelbrüche konsequent ahndet – denn freier Handel funktioniert nur dann, wenn sich alle an dieselben Regeln halten.
Wollen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit wirklich nachhaltig sichern, braucht es keinen Verwaltungsmodus, sondern eine Rückkehr zur Macher-Mentalität: Weniger Regulierung, mehr Eigenverantwortung, mutige Investitionsanreize, verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem den Mut, die Dinge wieder gründlich und gesamthaft anzupacken. Echter Wandel fängt im Kopf an – es ist Zeit, zu handeln.
Die Alfred Kärcher SE & Co. KG wurde 1935 gegründet und machte 2025 fast 3,5 Milliarden Euro Umsatz. 86 Prozent davon erwirtschaftet das Familienunternehmen aus dem deutschen Winnenden im Ausland. Die Kärcher-Gruppe ist mit 170 Firmen in 87 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit 17.000 Mitarbeiter. Kärchers Portfolio besteht aus über 3.000 Produkten rund um Reinigung und Pflege, besonders bekannt sind die Kärcher-Hochdruckreiniger.
