WESSELING, FRANKENTHAL, AALEN, VAREL · 30. OKTOBER 2026
Achim Lammerts / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Vier deutsche Industriecluster zählen zu den aussichtsreichsten Standorten Europas für Industriewärme aus Geothermie. Wesseling bei Köln liegt auf Platz drei der Rangliste.
VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESENDie Rangliste stammt aus einem Bericht von Project InnerSpace, einer gemeinnützigen Geothermie-Organisation aus Boston, und dem Klima-Thinktank Future Cleantech Architects (FCA) aus Remscheid. Die Autor*innen nennen 30 Cluster in elf Ländern, die zusammen rund zwei Gigawatt Wärme brauchen. Mit Erdwärme könnten diese Standorte Brennstoff für mehr als 850 Millionen Euro im Jahr ersetzen. Sie würden rund 4,3 Millionen Tonnen CO2 im Jahr vermeiden, etwa ein Prozent der Emissionen aus der Industriewärme in der EU.
Erdgas deckt in der EU etwa die Hälfte der industriellen Wärme, rund 90 Prozent des Gases stammen aus Importen. Nach dem Preisanstieg 2022 verlor die energieintensive Industrie in Deutschland laut Bericht rund 20 Prozent ihrer Produktion und hat sie seither nicht zurückgewonnen. Eine Geothermie-Bohrung liefert dagegen heimische Wärme rund um die Uhr, unabhängig von Wetter und Netzengpässen. Mit neuen Verfahren der Tiefengeothermie kommen Betreiber auch dort an die Wärme, wo im Untergrund kein heißes Thermalwasser liegt.
Deutschland stellt vier Standorte der Rangliste
Die vier deutschen Cluster brauchen zusammen 338 Megawatt Wärme und könnten jährlich 0,67 Millionen Tonnen CO2 vermeiden. Vor Wesseling mit 101 Megawatt liegen nur Priolo Gargallo auf Sizilien und Süßenbrunn bei Wien. Dahinter folgen Ormsheimer Hof in Frankenthal (Pfalz) auf Platz sieben, Aalen in Baden-Württemberg auf Platz elf und Varel in Friesland auf Platz zwölf. Italien, Frankreich, Spanien und die Niederlande stellen ebenfalls je vier Cluster, mehr nehmen die Autor*innen pro Land nicht auf.

Die 30 aussichtsreichsten Industriecluster, eingefärbt nach Gesamtpunktzahl (Combined score). Die Ziffern markieren die besten zehn, Wesseling (3) liegt im Kasten rechts oben. QUELLE: PROJECT INNERSPACE, CC BY 4.0
Varel bietet laut Bericht mit 108 Megawatt Bedarf die stärkste wirtschaftliche Ausgangslage aller Standorte. Auf Platz zwölf landet es, weil Deutschland schon drei Plätze davor belegt und die Autor*innen dafür zehn Prozent abziehen. Aalen zählt zu den acht Clustern mit der reichsten Wärmeressource im Untergrund. In einer Gegenprobe mit zehn statt sieben Kilometern Umkreis rückt Wesseling auf Platz eins.
Wo Betriebe Gas durch Geothermie ersetzen könnten, ermittelten die Autor*innen aus den Daten von Anlagen im EU-Emissionshandel und im Industrieregister der Europäischen Umweltagentur. Von 313 möglichen Clustern erfüllten 152 die Kriterien, darunter mindestens zwei Anlagen und zehn Megawatt Wärmebedarf im Umkreis von sieben Kilometern. Betriebe, die ihre Wärme aus eigenen Hochtemperaturprozessen gewinnen, etwa Stahl-, Zement- und Glaswerke, bleiben außen vor. Alle 152 Kandidaten in 14 Ländern zusammen könnten 11,0 Millionen Tonnen CO2 im Jahr vermeiden.
Die Autor*innen betonen, dass ihre Liste eine Vorauswahl ist und keine Machbarkeitsstudie. Jeder Standort braucht noch den Wärmenachweis per Bohrung, eine Planung, Wärmelieferverträge, die Genehmigung und eine Finanzierung.
Wie Nachbarbetriebe gemeinsam Gas durch Geothermie ersetzen
In einem Cluster teilen sich mehrere Betriebe die Bohrungen, ein Wärmenetz und einen Betreiber. Ein Ankerkunde mit großem Dauerbedarf rechtfertigt die ersten Bohrungen. Nachbarbetriebe nehmen die Wärme ab, die er nicht braucht, oft mit niedrigerer Temperatur. Fällt ein Kunde weg, zahlen die anderen weiter, das erleichtert die Finanzierung.
In den Niederlanden gründeten 49 Gewächshausbetriebe 2017 das Projekt Trias Westland. Inzwischen versorgt es 54 Betriebe, die Blumenauktion Royal FloraHolland und 345 Wohnungen. In Deutschland nennt der Bericht den Chempark mit rund 70 Unternehmen und dem Betreiber Currenta als Muster. In Ludwigshafen prüfen BASF und das Cleantech-Unternehmen Vulcan Energy Tiefengeothermie für das BASF-Werk und bereiten nach ersten seismischen Messungen eine Erkundungsbohrung vor.
Mit Erdwärme könnten viele Betriebe auch CO2-Kosten sparen. In 23 der 30 Cluster stoßen Anlagen mehr aus, als ihre kostenlosen Zertifikate im EU-Emissionshandel abdecken. Bei 65 Euro je Tonne kostet der Zukauf laut Bericht rund 150 Millionen Euro im Jahr. Wer Prozesswärme stattdessen elektrisch erzeugt, zahlt für Strom im Schnitt zwei- bis dreimal so viel wie für Erdgas, hat FCA für die deutsche Industrie ermittelt.
Deutschland liefert Vorlagen für die Geothermie-Politik der EU
Das Geothermie-Beschleunigungsgesetz vom Dezember 2025 empfehlen die Autor*innen anderen Mitgliedstaaten zur Nachahmung. Es erklärt Geothermie bis zur Klimaneutralität 2045 zum überragenden öffentlichen Interesse und setzt Fristen im Bergrecht.
Im selben Monat startete ein Programm gegen das Fündigkeitsrisiko, also die Gefahr, dass eine Bohrung zu wenig Wärme liefert. Die KfW vergibt Kredite bis 25 Millionen Euro für Bohrungen tiefer als 400 Meter. Munich Re versichert vorab 30 bis 70 Prozent des Kredits, den Rest trägt die KfW, falls die Bohrung zu wenig liefert.
In acht Empfehlungen fordern die Autor*innen von EU und Mitgliedstaaten, für jeden Cluster einen Betreiber zu benennen und die ersten Bohrungen abzusichern. Dazu kommen Muster für Wärmelieferverträge über zehn bis 15 Jahre, schnellere Genehmigungen, öffentliche Untergrunddaten und Regeln gegen Erdbeben, die Bohrungen auslösen können.
Der EU-Geothermie-Aktionsplan war für Anfang 2026 angekündigt und ist laut Bericht noch nicht erschienen. „Ganz genau an diesem Punkt kann die Politik die Kluft zwischen Labor und Markt überbrücken“, sagt Marlène Siméon, Direktorin für Politik bei FCA. Sie meint neue Geothermie-Verfahren, die in Europa erst am Anfang der Vermarktung stünden. Bei Solar- und Windkraft sei das der Politik vor Jahrzehnten gelungen.
QUELLEN
Project InnerSpace: Neue Analyse identifiziert 30 europäische Industriecluster als aussichtsreiche Kandidaten für die geothermische Wärmenutzung, 29. Oktober 2026.
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