Seit dem 21. Oktober ist die Ausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel zu sehen. Im Jahr 2027 jährt sich der Tod Dschingis Khans zum 800. Mal.

    Im Vorfeld dieses Jubiläums hat das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin gemeinsam mit dem Chinggis Khaan National Museum und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften eine Ausstellung zusammengestellt, die den Berlinerinnen und Berlinern diese Geschichte gleichsam greifbar macht. Musikalisch begleitet wurde der Abend von einem Ensemble aus der Mongolei – allen voran ein Sänger, der den Kehlkopfgesang Höömij vortrug. Das Stück hat die Atmosphäre im Raum geprägt.
    Dschingis Khan ist zweifellos eine der einflussreichsten Figuren der Weltgeschichte. Das von ihm Anfang des 13. Jahrhunderts begründete Mongolische Weltreich wuchs unter seinen Nachfolgern zum größten zusammenhängenden Landreich heran, das je existiert hat.
    Viele von uns haben diese Geschichte in der Schule mehrfach gehört – allerdings mit einem regionalen Schwerpunkt: Über den Vorstoß der Mongolen nach Europa wurde erstaunlich wenig gesprochen. Wer diese Lücke schließen möchte, findet in dieser Ausstellung reichlich Gelegenheit dazu. Ich hatte das Glück, bei der Eröffnungsveranstaltung dabei zu sein, und möchte von meinen Eindrücken dieses Abends berichten.
    Eine Zeitreise in der Mitte Berlins
    Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, hielt die Eröffnungsrede, in der er offen über seine Erfahrungen mit der mongolischen Seite sprach und sich ausdrücklich bei den Partnern vom Chinggis Khaan National Museum und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften bedankte.
    Die Idee zur Ausstellung sei vor dreieinhalb Jahren entstanden und es habe eine Weile gedauert, bis die Arbeit richtig in Gang kam, um eine derart bedeutsame Sammlung zustande kommen zu lassen. Nach Wemhoffs Angaben stammen rund 80 Prozent der ausgestellten Funde direkt aus dem Museum in der Mongolei, die restlichen 20 Prozent wurden in ganz Europa zusammengetragen und nach Berlin gebracht.
    Der Direktor stellte die historischen Umstände ungeschönt dar. Im Geschichtsunterricht werde diese Periode so vorgestellt, als sei sie sehr kurzfristig gewesen – das treffe nicht zu. Ganz Europa sei von den sogenannten „gefährlichen Tataren“ erschrocken gewesen, und die Funde aus Europa beweisen, wie viel damals tatsächlich zerstört und zugrunde gebracht wurde. Es sei ein enormer historischer Faktor gewesen, der das europäische Mittelalter tief geprägt und die gesamte Welt verändert habe. Matthias Wemhoff verwies auf Historiker, die in diesem riesigen Wandel sogar den Beginn der Neuzeit sehen.
    Zu sehen sind unter anderem Schriftzeugnisse einer Turksprache, verschiedene für ihre Zeit innovativ zu nennende Teile der Reiterausrüstung – Pferdegeschirr, Zaumzeug, Steigbügel und Sättel –, Goldschmuck, Jurten und zahlreiche Funde aus der Alltagswelt jener Jahrhunderte.
    Die Exponate sind überall im Raum präsent und machen die Epoche buchstäblich begreifbar. Die Schau spannt dabei einen Bogen über ein halbes Jahrtausend reiternomadischer Lebenswelten – und so lud Matthias Wemhoff die Gäste denn auch ein, gemeinsam in diese Welt einzutauchen.
    Für Kasachstan ist diese Geschichte übrigens keine ferne Episode: Große Teile der Steppengebiete des heutigen Landes gehörten zum Ulus Dschutschis, aus dem später die Goldene Horde hervorging. Auffällig ist ohnehin die starke zentralasiatische Prägung der Schau – viele Funde stammen aus der Steppe. Und die Verbindung nach Zentralasien reicht bis ins Kuratorenteam: Verantwortlich für das Konzept zeichnen Jan Bemmann (Universität Bonn) sowie Heino Neumayer, Anton Gass und Benjamin Wehry (Museum für Vor- und Frühgeschichte).
    Anton Gass ist russlanddeutscher Herkunft. Sein Studium absolvierte er an der Staatlichen Nordkasachstanischen Universität in Petropawlowsk, und er war anschließend an archäologischen Projekten in Kasachstan beteiligt, unter anderem im Kasachischen Altai und im Siebenstromland. So verbindet diese Ausstellung Berlin, die Mongolei und Zentralasien auch auf sehr persönliche Weise.
    Geschichte greifbar machen
    Meiner Beobachtung nach kamen zur Eröffnung viele Menschen mit völlig unterschiedlichen Berufen und Interessen. Für Europäerinnen und Europäer ist diese Ausstellung vor allem eine Chance, einen Teil der eigenen – wenn auch bereits fernen – Geschichte zu berühren.
    Mich hat beeindruckt, wie viele verschiedene Artefakte an einem Ort versammelt worden sind und mit welcher Liebe zum Detail alles ausgeführt war. Die Wände der Ausstellungssäle sind passend bemalt und mit Bildern geschmückt, die die Atmosphäre der jeweiligen Epoche vermitteln. Auch die Böden und die dreidimensionale Inszenierung machen die Begegnung mit dem historischen Erbe tiefer und emotionaler.
    Manche Artefakte beeindrucken und beflügeln die Fantasie – man fragt sich, wie es überhaupt möglich war, solch riesige Distanzen zu Pferd zurückzulegen. Wieder andere Ausstellungsstücke erschrecken als Zeugnisse der Brutalität und der bis dahin ungesehenen militärischen Schlagkraft der mongolischen Heere. An vielen Wänden sind Zeitzeugen und Historiker zitiert, die über jene Ereignisse geschrieben haben, was der Wahrnehmung der historischen Artefakte eine zusätzliche Dimension verleiht.
    Dieser Abend im Museum wird mir lang in Erinnerung bleiben – auch wegen der Atmosphäre, die mich ein wenig an den Film „Nachts im Museum“ erinnerte. Für mich gehört Geschichte nicht nur auf Papier, in Bücher oder als Dokumentarfilm auf den Bildschirm. Geschichte muss für mich greifbar sein und genau das habe ich durch den Besuch dieser Ausstellung und die unmittelbare Begegnung mit den zahlreichen Originalen erfahren. Ich kann nur wünschen, dass möglichst viele neugierige Betrachter dieser Schau sich diesen Teil der Geschichte ebenso erschließen werden.
    Darya Koppel

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