Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland dürfte 2026 um 8 Prozent auf 25.900 Fälle steigen. Das geht aus dem am 27. Oktober veröffentlichten Bericht „Global Insolvencies Outlook 2028“ des Kreditversicherers Allianz Trade hervor. Damit fällt die Prognose deutlich schlechter aus als noch im Frühjahr, als lediglich ein Anstieg um 2 Prozent erwartet worden war.
Die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland dürften 2026 deutlich steigen auf 25.900 Fälle. Das ist der höchste Stand seit 13 Jahren“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Besonders betroffen sind Transport und Logistik, Bau, Gastgewerbe sowie die Automobil- und Maschinenbauindustrie.“
Auch die europäischen Daten zeigen eine angespannte Entwicklung. Laut Eurostat stiegen die Insolvenzerklärungen im EU-Transportsektor im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 11,4 Prozent. Über alle Wirtschaftsbereiche hinweg betrug die Zunahme 5,7 Prozent.
Deutschland: Insolvenzen liegen 30 Prozent über dem Vorkrisenniveau
Der Anstieg in Deutschland hält bereits seit mehreren Jahren an. Nach den von Allianz Trade ausgewiesenen Daten wurden 2023 insgesamt 17.814 Unternehmensinsolvenzen registriert. Im Jahr 2024 stieg die Zahl auf 21.812 und 2025 auf 24.064 Fälle.
Für 2026 erwartet der Kreditversicherer einen weiteren Anstieg auf 25.900 Insolvenzen. Gegenüber 2021 entspricht das einer Zunahme um insgesamt rund 85 Prozent. Gleichzeitig würden die Fallzahlen etwa 30 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 liegen.
Die Entwicklung verdeutlicht die anhaltenden Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft. Nach Einschätzung von Allianz Trade treffen mehrere Belastungsfaktoren aufeinander: schwache Konjunktur, geopolitische Unsicherheiten, hohe Energie- und Betriebskosten sowie strukturelle Probleme wie der Fachkräftemangel.
Für 2027 erwartet der Kreditversicherer keine grundlegende Verbesserung. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte bei rund 25.900 stagnieren. Eine Stabilisierung auf diesem Niveau wäre allerdings noch keine Entspannung, sondern würde bedeuten, dass die Insolvenzzahlen auf dem höchsten Stand seit 2013 verharren.
Transport und Lagerung: Insolvenzen steigen stärker als in der Gesamtwirtschaft
Besonders aufschlussreich ist die Branchenanalyse des Allianz-Trade-Berichts. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Insolvenzen im deutschen Bereich Transport und Lagerung um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für die Gesamtwirtschaft weist die entsprechende Branchenübersicht einen Zuwachs von 5 Prozent aus.
Noch stärker war der Anstieg im Gastgewerbe mit 14 Prozent. Im Handel nahmen die Insolvenzen um 6 Prozent und im Baugewerbe um 2 Prozent zu. Die Industrie insgesamt verzeichnete dagegen einen leichten Rückgang um 1 Prozent.
Auch die Eurostat-Daten für die ersten beiden Quartale 2026 unterstreichen die besondere Belastung der Transportwirtschaft auf europäischer Ebene.
Nachdem die saisonbereinigte Zahl der Insolvenzerklärungen in der EU im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal noch um 2,4 Prozent gesunken war, stieg sie im zweiten Quartal wieder um 5,7 Prozent. Damit erreichte der EU-Insolvenzindex seinen höchsten Stand seit Beginn der 2019 einsetzenden Vergleichsreihe.
Im Transportsektor fiel der Anstieg im zweiten Quartal mit 11,4 Prozent besonders deutlich aus. Zum Vergleich: Im Baugewerbe gingen die Insolvenzerklärungen im selben Zeitraum um 1,7 Prozent zurück, im Handel um 1,2 Prozent.
Die Zahlen beziehen sich auf saisonbereinigte Quartalsveränderungen und sind deshalb nicht direkt mit den Halbjahresvergleichen oder Jahresprognosen von Allianz Trade gleichzusetzen. Sie zeigen allerdings, dass sich die Insolvenzbelastung innerhalb der europäischen Wirtschaft zunehmend unterschiedlich entwickelt.
Rumänien und Belgien: Zwei Beispiele für die Schwierigkeiten im Straßengüterverkehr
Wie stark die Belastung einzelner Transportmärkte inzwischen ist, zeigen die Entwicklungen in Rumänien und Belgien, über die trans.iNFO bereits im Oktober ausführlich berichtet hat.
In Rumänien meldete die auf Insolvenzen und Restrukturierungen spezialisierte Gesellschaft Sierra Quadrant für September 2026 einen Anstieg der Insolvenzen im Straßengüterverkehr um 73 Prozent. Landesweit wurden in diesem Monat 869 neue Insolvenzverfahren gegen Unternehmen und Selbstständige registriert – der höchste Monatswert seit mehreren Jahren.
Als wesentliche Belastungsfaktoren nennt die Analyse gestiegene Energiekosten, eine schwächere Nachfrage, höhere Steuern und teure Finanzierung. Sierra Quadrant rechnet damit, dass der Druck auf die Unternehmen im ersten Quartal 2027 seinen Höhepunkt erreichen könnte.
Die Allianz-Trade-Studie bestätigt die angespannte gesamtwirtschaftliche Situation: Für Rumänien prognostiziert der Kreditversicherer 2026 einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 9 Prozent auf rund 8.200 Fälle.
In Belgien zeigt sich die Krise vor allem bei kleineren Transportunternehmen. Wie trans.iNFO im Oktober unter Berufung auf das belgische Institut für Straßentransport und Logistik (ITLB) berichtete, wurden in den ersten neun Monaten 2026 insgesamt 297 Frachtführer insolvent, gegenüber 284 im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Besonders betroffen waren Unternehmen mit kleinen Flotten: Von 80 insolventen Betrieben, für die im dritten Quartal entsprechende Daten vorlagen, verfügten 58 über höchstens fünf Fahrzeuge.
Der Branchenverband Transport & Logistiek Vlaanderen (TLV) verweist insbesondere auf steigende Betriebskosten, den begrenzten Spielraum bei Frachtraten und ausbleibende Kundenzahlungen.
Bemerkenswert ist dabei, dass Allianz Trade für Belgien insgesamt eine weitgehend unveränderte Insolvenzzahl von rund 11.700 Fällen im Jahr 2026 erwartet. Der Vergleich zeigt, dass sich hinter einer stabilen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erhebliche Schwierigkeiten einzelner Branchen verbergen können.
Europa entwickelt sich uneinheitlich: Deutschland und Rumänien unter Druck, Rückgänge in Polen und Ungarn
Der internationale Vergleich von Allianz Trade verdeutlicht, dass sich die Insolvenzentwicklung innerhalb Europas zunehmend unterscheidet.
Während für Deutschland, Rumänien und Frankreich steigende Fallzahlen erwartet werden, prognostiziert der Kreditversicherer für mehrere andere wichtige Transportmärkte einen Rückgang.
Unternehmensinsolvenzen in Europa: Entwicklung 2025 und Prognose 2026
Land
Insolvenzen 2025
Erwartete Insolvenzen 2026
Veränderung
Deutschland
24.064
25.900
+8 %
Frankreich
68.688
71.000
+3 %
Rumänien
7.553
8.200
+9 %
Belgien
11.685
11.700
0 %
Italien
12.093
11.850
−2 %
Spanien
5.604
5.470
−2 %
Polen
5.492
5.200
−5 %
Ungarn
14.388
11.300
−21 %
Vereinigtes Königreich
26.745
25.600
−4 %
Quelle: Allianz Trade, Global Insolvencies Outlook 2028, 27. Oktober 2026. Angaben für 2025 laut Studie, 2026 Prognose. Alle Wirtschaftsbranchen. Nationale Insolvenzstatistiken sind aufgrund unterschiedlicher Verfahren nur eingeschränkt vergleichbar.
Besonders auffällig ist der Gegensatz zwischen Deutschland und Ungarn. Während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland weiter steigen dürfte, rechnet Allianz Trade für Ungarn mit einem Rückgang um 21 Prozent.
Auch in Polen zeichnet sich mit einem prognostizierten Minus von 5 Prozent eine andere Entwicklung ab. Italien und Spanien könnten ebenfalls sinkende Fallzahlen verzeichnen.
Anders sieht es in Frankreich aus. Dort erwartet der Kreditversicherer für 2026 rund 71.000 Unternehmensinsolvenzen und damit einen neuen Höchststand. Für 2027 wird sogar ein weiterer leichter Anstieg auf etwa 71.400 Fälle prognostiziert.
Allerdings bedeutet eine rückläufige Insolvenzzahl nicht automatisch eine Rückkehr zu stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen. In mehreren Ländern liegen die Fallzahlen weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau.
Für international tätige Transport- und Logistikunternehmen ist deshalb nicht allein die Entwicklung im eigenen Land entscheidend. Hinzu kommt die finanzielle Stabilität ihrer Auftraggeber und Geschäftspartner in den jeweiligen Auslandsmärkten.
Energiekosten könnten Margen im Straßentransport massiv belasten
Eine der wichtigsten Ursachen für die anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten sieht Allianz Research in der Kombination aus hohen Energiekosten und schwierigen Finanzierungsbedingungen.
Besonders aufschlussreich ist eine Modellrechnung der Analysten zu den Folgen des seit Januar 2026 um rund 60 Prozent gestiegenen Energiekostenniveaus.
Demnach gehört die Transportwirtschaft zu den am stärksten exponierten Branchen. Für den europäischen Straßentransport ergibt sich rechnerisch eine mögliche Belastung der Nettomargen um rund 10 Prozentpunkte. Im US-amerikanischen Straßentransport liegt dieser Wert bei 15 Prozentpunkten, im Luftverkehr in Europa und den USA bei etwa 17 Prozentpunkten.
Dabei handelt es sich ausdrücklich um rechnerische Obergrenzen, nicht um bereits gemessene Margenverluste sämtlicher Unternehmen. Die tatsächlichen Auswirkungen hängen unter anderem davon ab, ob Betriebe höhere Kosten über ihre Preise weitergeben oder durch Effizienzmaßnahmen abfedern können.
Für Transportunternehmen liegt darin ein erhebliches Risiko. Steigende Kraftstoff- und Betriebskosten erhöhen unmittelbar die Ausgaben für Transportleistungen. Gelingt es nicht, diese zusätzlichen Belastungen über Frachtraten oder vertragliche Preisanpassungen weiterzugeben, geraten die Margen unter Druck.
Hinzu kommen die Finanzierungskosten. Nach Berechnungen von Allianz Research würde ein Anstieg der Bankkreditzinsen um einen Prozentpunkt die jährlichen Zinsaufwendungen deutscher Unternehmen insgesamt um rund 7 Milliarden Euro erhöhen.
Besonders gefährdet sind kleinere und mittlere Unternehmen sowie Betriebe, deren finanzielle Spielräume bereits eingeschränkt sind.
Großinsolvenzen erhöhen das Risiko von Dominoeffekten
Nicht nur kleine Unternehmen geraten zunehmend in Schwierigkeiten. Allianz Trade registrierte weltweit in den ersten neun Monaten 2026 insgesamt 376 Insolvenzen von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro.
Das entspricht durchschnittlich mehr als einer größeren Unternehmensinsolvenz alle 18 Stunden. Allein auf Westeuropa entfielen 229 Fälle.
Auch im Transportsektor ist die Entwicklung auffällig: Weltweit wurden zwischen Januar und September 2026 bereits 18 Insolvenzen größerer Transportunternehmen gezählt, davon 12 in Westeuropa. Im gesamten Jahr 2025 waren weltweit lediglich 11 solcher Fälle registriert worden.
Die Analysten warnen vor möglichen Dominoeffekten entlang der Lieferketten. Wenn ein größeres Unternehmen zahlungsunfähig wird, kann dies auch seine Lieferanten, Subunternehmer und Dienstleister in finanzielle Schwierigkeiten bringen.
Für Speditionen und Frachtführer entsteht dadurch ein zusätzliches Risiko: Selbst bei einer stabilen eigenen Auftragslage können Forderungsausfälle oder verspätete Zahlungen wichtiger Kunden die Liquidität belasten.
Wie konkret diese Gefahr ist, zeigte bereits die von trans.iNFO im Oktober aufgegriffene Diskussion in Belgien über die Absicherung von Subunternehmern. Nach der Insolvenz des Logistikunternehmens Ziegler blieben laut TLV auch Forderungen kleinerer Frachtführer für bereits durchgeführte Transporte offen.
Der Verband fordert deshalb eine belgische Regelung nach dem Vorbild der französischen Loi Gayssot, die unter bestimmten Voraussetzungen einen direkten Zahlungsanspruch gegenüber dem Verlader oder Empfänger ermöglicht.
239.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet
Die Folgen der Insolvenzentwicklung reichen über die unmittelbar betroffenen Unternehmen hinaus.
Nach Berechnungen von Allianz Research könnten sowohl 2026 als auch 2027 weltweit jeweils rund 2,7 Millionen Arbeitsplätze direkt durch Unternehmensinsolvenzen gefährdet sein. Das wären rund 180.000 mehr pro Jahr als 2025.
Auf Europa entfallen etwa 1,6 Millionen gefährdete Arbeitsplätze. Besonders hoch ist das Risiko in Frankreich mit rund 268.000, Deutschland mit 239.000 und dem Vereinigten Königreich mit 213.000 Arbeitsplätzen.
Dabei handelt es sich um modellbasierte Schätzungen potenziell betroffener Beschäftigter und nicht um bereits eingetretene oder sicher bevorstehende Arbeitsplatzverluste.
Keine schnelle Entspannung: Trendwende erst 2028 erwartet
Auch für die kommenden Jahre erwartet Allianz Trade keine rasche Normalisierung.
Weltweit dürfte der Insolvenzindex 2026 um 5 Prozent und 2027 um weitere 1 Prozent steigen. Erst 2028 prognostizieren die Analysten einen leichten Rückgang um 1 Prozent.
In Deutschland könnten die Fallzahlen 2028 um 5 Prozent auf rund 24.600 sinken. Als mögliche Gründe nennt Allianz Trade eine nachlassende konjunkturelle Belastung und die zunehmende Wirkung fiskalischer Maßnahmen.
Von einer Rückkehr zum Niveau vor der Pandemie wäre die deutsche Wirtschaft damit allerdings weiterhin weit entfernt.
Für die Transport- und Logistikbranche bleiben deshalb nicht nur die eigenen Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten entscheidend. Angesichts der zunehmenden Großinsolvenzen und der unterschiedlichen Entwicklung in den europäischen Märkten gewinnt auch die finanzielle Stabilität von Auftraggebern und Geschäftspartnern weiter an Bedeutung.
Quellen: Allianz Research, „Global Insolvencies Outlook 2028“, 27. Oktober 2026; Allianz Trade Pressemitteilung vom 27. Oktober 2026; Eurostat, „Quarterly registrations of new businesses and declarations of bankruptcies“, Q1 und Q2 2026; trans.iNFO, Berichterstattung zu Unternehmensinsolvenzen in Rumänien und Belgien im Oktober 2026.
