Wenn plündernde Horden durch die Straßen ziehen und der Staat dem nichts entgegenzusetzen hat, gibt es dafür einen Begriff: die Herrschaft des Pöbels.
Das Konzept ist alt, mehr als 2000 Jahre. Es stammt vom Geschichtsschreiber Polybios, und so gibt es auch ein gelehrt klingendes griechisches Wort dafür: Ochlokratie. Für Polybios ist sie die Verfallsform der Demokratie; er beschreibt einen Kreislauf der Staatsformen: Die Monarchie entwickelt sich zur Tyrannis, in der ein Einzelner nur seine Interessen verfolgt. Darauf nimmt eine Gruppe die Dinge in die Hand – es entsteht die Aristokratie. Auch sie wuchert zur Oligarchie, der Ausbeutung vieler durch die wenigen. Ergebnis ist die heilsame Ausdehnung der Macht auf alle: die Demokratie. Auch hier aber dominiert, wenn die Freiheit als selbstverständlich gilt, der Eigennutz: Ochlokratie, bevor eine Alleinherrschaft das Chaos beenden soll und der Kreislauf von vorn beginnt.
Nun hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Geschichte nicht Gesetzen gehorcht, schon gar nicht so schematischen wie in diesem Verfassungskarussell. Das Phänomen aber, dass Volks- in Pöbelherrschaft umschlagen kann, bleibt ganz offensichtlich aktuell (es ist übrigens auch regelmäßig in und um Fußballstadien zu besichtigen).
Bestenfalls naiv, schlimmstenfalls kriminell
Allerdings ist es damit eine heikle Sache. Nicht wegen der Kritik an den Zuständen – alles Gerede von Widerstandsrecht gegen demokratische Regierungen ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls kriminell. Gewalt gegen sie ist nie gerechtfertigt. Nein, der Begriff des Pöbels ist das Problem. Denn in ihm steckt der populus, das Volk, also der Souverän. Auf der Straße für seine Anliegen einzutreten, ist gewissermaßen die Rohform der Demokratie, und außerparlamentarische Opposition zu sein, keineswegs illegitim.
Man wird sich deshalb schon die Mühe machen müssen, aus den Trümmern die wirklichen Missstände herauszuklauben, gegen die sich die Wut (auch) richtet: Bildungsmisere in Frankreich, Wohnungsnot in Spanien, Korruption in Albanien, Teuerung und Perspektivlosigkeit überall (Klimawandel war mal). An keinem Gymnasium allerdings ändert man etwas, indem man Gürtel aus einem Geschäft stiehlt. Die Gewalt macht alles kaputt, auch den Anspruch, dem schwerfälligen parlamentarischen System durch zornigen Protest auf die Sprünge zu helfen.
Die Kritik am plündernden Pöbel kommt zwangsläufig stets von oben herab – schon weil der Pöbel das Selbstbild kultiviert, von ganz unten zu kommen. Nicolas Sarkozy sprach schon 2005 davon, man müsse die Pariser Vorstädte mit dem Kärcher bearbeiten. Sigmar Gabriel nannte rechtsradikale Randalierer in Sachsen 2015 „Pack“. Hillary Clinton nannte 2016 Donald Trumps Wählerschaft eine „Ansammlung der Erbärmlichen“. All das ist in unterschiedlichem Maße arrogant, und man sollte sich hüten, in der Kritik am Pöbel auch nur den Hauch von Elitendünkel anklingen zu lassen, nach dem Motto: Auch die dürfen wählen. Oder daraus gleich, wie die dunklen Lords der amerikanischen Rechten, die Forderung abzuleiten, Wahlrecht an Vermögen zu knüpfen, und das Konzept der liberalen Demokratie für erledigt zu erklären.
Pöbel wohnt auch in goldenen Palästen
Denn Pöbel zu sein, ist keine Frage der Schicht. Es ist eine Frage der Moral. Es gibt armen Pöbel, den Pöbel von unten, und es gibt reichen Pöbel, den Pöbel von oben. Der norwegische Philosoph Sigurd Hverven beschreibt Pöbelhaftigkeit als die Weigerung, gesellschaftliche Regeln anzuerkennen – aus Hass auf die bestehende Ordnung. Beim plündernden Pöbel wird dieser Hass befeuert von Erfahrungen der Ausgrenzung, der Chancenlosigkeit, der Vernachlässigung. Beim reichen Pöbel erledigt das die Abkopplung vom „normalen“ Leben und der Unwille, sich dessen Prozeduren wie alle anderen zu unterwerfen, weil Geld ja alles regelt. Das Ergebnis ist hier wie da bedenklich: Isolation, Blasenbildung, Verachtung demokratischer Strukturen.
Der Pöbel kann Sturmhauben tragen wie in Paris oder rote, überlange Krawatte wie in Washington. Der Pöbel kann in Sozialwohnungen hausen oder in einem goldüberladenen Palast. Der Pöbel kann seine Wut auf den Plätzen herausbrüllen oder auf Parteitagen. Das Ergebnis ist dasselbe: Pöbel bleibt Pöbel.
Auch deshalb muss Kritik differenzieren: weil ein Teil der Kritik am Pöbel eben von der falschen Seite, von anderem Pöbel kommt. Die Krawalle in Frankreich einfach auf Einwanderung zurückzuführen und die Europäer aufzufordern, jetzt aber endlich dichtzumachen (Donald Trump und, natürlich, die AfD taten das), beleidigt nicht nur die Intelligenz, es ist auch perfide, eben weil es die eigene Pöbelhaftigkeit ummünzt in eine stumpfe Ordnungsrhetorik.
Zweifellos und für alle offensichtlich liegt die Wurzel des derzeitigen Aufruhrs auch in Problemen der Einwanderungsgesellschaft, zumindest in Frankreich. Nur ist der Zusammenhang indirekter, als die Möchtegernsheriffs behaupten – es geht um verpasste Integration und politisches Desinteresse. Man kann Opfer solcher Versäumnisse sein und trotzdem Täter. Ein Rathaus anzuzünden oder Bekleidungsläden zu plündern, bleibt die falsche Antwort.
Es gibt kein Recht auf Verwüstung
Interessanterweise hat jemand aus dem nationalkonservativen Lager es geschafft, zwei Ansprüche zusammenzubringen, die in der Tat nicht zu trennen sind: Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. „Es gibt ein Recht zu demonstrieren, aber nicht, unsere Städte zu verwüsten“, schrieb sie nach den Krawallen von Mailand auf X. Klingt banal, ist es aber nicht, denn es geht auch hier um die Kollision von Grundrechten.
Oder, französisch ausgedrückt, um das Versprechen, das die Republik ihren Kindern gegeben hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Es steht über vielen Schulportalen des Landes. Nichts wird besser, wenn sich nicht alle daran halten. Die da oben und die da unten.
