StartseitePolitikStand: 28.10.2026, 14:18 UhrVon: DruckenTeilenUns auf Google folgenKonzept für Hitzeopfer bei der Feuerwehr Herne. Modell für Betroffene von extremer Hitze bei der Feuerwehr Herne. © J. Theobald / ImagoMehr als 50.000 Hitzetote alleine in diesem Jahr in europäischen Städten: Schätzungen von Expertinnen und Experten zeichnen ein drastisches Bild.Im Juni war es besonders schlimm. Tag für Tag wurden weitere Menschen in die Krankenhäuser eingeliefert, welche die Hitze gesundheitlich kaum noch verkraften konnten. Ärzte und Ärztinnen aus ganz Europa berichten von extremen Erfahrungen im vergangenen Sommer. Sie erzählen von überfüllten Notaufnahmen, Überforderung und vor allem von hohen Todeszahlen.Grund für die Tragödie war die extreme Hitzewelle, die im Juni bis Juli über Europa lag. In dieser Zeit wurden in fast allen Ländern Hitzerekorde gebrochen. Ungarn, Tschechien und Deutschland erlebten mit fast 42 Grad die höchsten Spitzenwerte, aber auch Großbritannien, Frankreich oder Dänemark litten unter historischen Rekordtemperaturen.Solche Hitze kostet Leben. Bei extremen Temperaturen dehydriert der Körper, gerät unter Stress und kann die eigene Temperatur schwerer regulieren. „Im schlimmsten Fall kann die körpereigene Temperaturregulation auch versagen“, erklärt der Anästhesist Andrew Hartle vom Imperial College Healthcare in London. Besonders gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen, sehr junge oder alte Patient:innen und Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen.Doch bisher gab es nur Schätzungen, wie viele Menschen in diesem Sommer ihr Leben lassen mussten. Ebenso wenig war geklärt, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Hitzewelle und auf die Zahl der Todesfälle in Europa hatte.Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Eine zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau.Unser Videopodcast „Klima Klartext“ mit Claudia Kemfert – jetzt alle Folgen checken!Unser exklusiver FR|Klima-Newsletter mit dem umfassenden, wöchentlichen Überblick immer freitags. Jetzt anmelden!Forschende des Imperial College London und der London School of Hygiene and Tropical Medicine versuchten nun, diese schwierige Frage zu beantworten. Sie berechneten in einer Studie, wie viele Menschen in Europa aufgrund der Hitze ihr Leben verloren haben. Dazu untersuchten sie fast 900 städtische Gebiete in den 27 EU-Ländern sowie im Vereinigten Königreich, in Norwegen und in der Schweiz.Mithilfe von Temperaturaufzeichnungen und statistischen Modellen konnten sie diese hitzebedingte Übersterblichkeit in den Sommern der Jahre 2000 bis 2026 abschätzen. Sie gehen davon aus, dass mehr als 50.000 Menschen im Sommer 2026 wegen der Hitze ihr Leben verloren.Besonders viele Menschen starben in Süd- und Westeuropa. Vor allem Italien, wo über 13.000 Menschen im vergangenen Sommer starben, war stark von den Folgen der Hitzewelle betroffen. Doch auch in Deutschland verloren über 6.000 Menschen ihr Leben.Schätzung könnte noch zu niedrig seinSelbst auf der kühleren britischen Insel, die von der Hitzewelle besonders überrascht wurde, gab es über 4.000 Hitzetote. Da die Studie ausschließlich Todesfälle in städtischen Gebieten betrachtete, könnten es insgesamt sogar weit mehr sein – die Gebiete machen nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung aus, wie die Autor:innen anmerken.„Diese Zahlen sind eine Warnung, dass unsere heißeren, extremeren Sommer zunehmend schwerwiegende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben“, kommentierte Clair Barnes vom Imperial College London, die Hauptautorin der Studie. „Denn hinter diesen Statistiken stehen echte Menschen, die ihr Leben verloren haben, und echte Familien, die um sie trauern.“Auch übersteigen diese Zahlen die bisherigen Rekordjahre 2003 und 2022 bei weitem: In den beiden Jahren waren etwa 30.000 Menschen an den Folgen der jeweiligen Hitzewelle gestorben. Durch die steigenden Sommertemperaturen in Europa im Zuge der globalen Erwärmung verlieren also immer mehr Menschen ihr Leben. Entsprechend hätten sich die verheerenden Folgen der Hitze durch Klimaschutz zumindest teilweise verhindern lassen.Das bestätigen auch die Studienergebnisse. Danach lassen sich etwa zwei Drittel der Hitzetoten in diesem Sommer auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen. Diese Zahl ermittelten die Forschenden, indem sie in einer sogenannten Attributionsstudie untersuchten, wie viel wahrscheinlicher die Rekordtemperaturen im Sommer durch den Klimawandel geworden sind. Anschließend untersuchten sie, welchen Einfluss diese Hitze auf die Todeszahlen im Sommer hatte.Das Ergebnis ist ein Konfidenzintervall; dieses gibt einen Bereich an, in dem ein Wert mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit liegt. Während die steigenden Temperaturen relativ eindeutig auf den Klimawandel zurückgehen, ist die Zuordnung der Sterblichkeit zu den Temperaturen komplexer.Hitze ist selten die alleinige UrsacheWenn jemand tot aufgefunden werde, sei unbekannt, welche Körpertemperatur die Person zum Zeitpunkt des Todes hatte, erläutert Mediziner Hartle, der an der Studie beteiligt war. Zudem seien die gängigen Methoden zur Temperaturmessung bei Hitzschlag oft ungenau – man könne also schnell übersehen, wenn Menschen eine gefährlich hohe Körpertemperatur haben.„Vor allem aber ist Hitze nur sehr selten die alleinige Todesursache. Meist verschlimmert die Hitze eher eine bereits bestehende Erkrankung“, so Hartle. „Oft beobachten wir dies bei älteren Patienten, die verwirrt sind, einen Schlaganfall erleiden oder Herz-Kreislauf-Probleme bekommen – Fälle, in denen die Hitze einen wesentlichen Beitrag zum Tod geleistet haben könnte.“Aus diesem Grund wurden die Zahlen der Hitzetoten in Europa nicht über medizinische Akten oder Datenbanken erhoben. Stattdessen nutzten die Forschenden statistische Methoden. „Kurz gesagt nutzen wir das standortspezifische Risiko im Zusammenhang zwischen Hitze und Sterblichkeit“, erklärt Malcolm Mistry von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.Dafür griffen die Forschenden auf eine frühere Studie aus der Fachzeitschrift The Lancet Planetary Health zurück, die den Zusammenhang zwischen Temperatur und Sterblichkeit für verschiedene Orte berechnet hatte. So lässt sich beispielsweise abschätzen, wie viele Menschen in Berlin zusätzlich sterben, wenn die Temperatur um ein Grad steigt. Anschließend kann errechnet werden, wie viele Menschen in einem hypothetischen Klima ohne menschengemachte Erwärmung gestorben wären. Aus der Differenz können die Forscher:innen darauf schließen, wie viele Todesfälle auf den Klimawandel zurückzuführen sind.Die Ergebnisse machen deutlich, wie stark sich die menschengemachte Erderwärmung bereits heute auf die Menschen in Europa auswirkt.Für Clair Barnes sind die Ergebnisse deshalb auch eine Warnung. „Es ist eine weitere Mahnung, die verdeutlicht, wie wichtig gezielte Maßnahmen zum Schutz der Menschen sind, die am stärksten von der zunehmend extremen Hitze betroffen sind, und wie dringend wir uns von fossilen Brennstoffen verabschieden müssen, um den Klimawandel zu verlangsamen und die zukünftige Erderwärmung zu begrenzen“, so die Forscherin.

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