26.10.2026 – Eine epidemiologische Modellschätzung von Forscher:innen aus Großbritannien kommt für die drei Sommermonate Juni, Juli und August auf 50.391 vorzeitige hitzebedingte Todesfälle in 854 untersuchten Städten Europas. Das ist ein neuer, trauriger Rekord. Im letzten Jahr kam eine Untersuchung in den gleichen Städten auf 24.572 hitzebedingte Todesfälle. Der bisherige Höchstwert wurde 2022 mit 29.480 Toten gemessen.Die Wissenschaftler:innen des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine kombinierten historische Sterblichkeitsdaten bei unterschiedlichen Temperaturen in den untersuchten Städten, erstellten daraus ein statistisches Temperatur-Sterblichkeits-Modell – also ein Modell dafür, wie stark das Sterberisiko bei Hitze steigt – und wendeten dieses auf die tatsächlich gemessenen Temperaturen im Sommer 2026 an. Die untersuchten Städte machen rund 40 Prozent der Bevölkerung in 30 untersuchten europäischen Ländern aus. Zudem sind laut Studie rund 65 Prozent der geschätzten hitzebedingten Todesfälle auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen.Besonders betroffen waren demnach Städte in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien. Ein Drittel aller Todesfälle ereignete sich den Modellschätzungen nach zwischen Mitte Juni und Anfang Juli. Der Juni war der heißeste jemals gemessene Juni in Westeuropa. In absoluten Zahlen hatte Paris mit geschätzten 2.545 Todesfällen die meisten Hitzetoten zu verzeichnen. Rund 45 Prozent der geschätzten Todesfälle betrafen Menschen ab 85 Jahren.Paris und Neapel besonders betroffenWie der Pariser Rettungsdienst gegenüber Radio France berichtete, stieg das Einsatzaufkommen Ende Juni um über 50 Prozent. Häufig seien alleinlebende ältere Menschen versorgt worden. Paris gehört zu den am dichtesten bebauten europäischen Metropolen. Besonders die historischen Quartiere sind durch geschlossene Häuserblocks, schmale Straßen und viele versiegelte Flächen geprägt. Die Hitze staut sich, und bei anhaltend hohen Temperaturen kühlt die Stadt auch nachts nicht ausreichend ab.Neapel gehörte mit geschätzten 815 Hitzetoten je einer Million Einwohner zu den besonders stark betroffenen Städten – insbesondere während einer Hitzewelle von Ende Juli bis Anfang August. Auch dort traf es besonders ältere und einsame Menschen. Wie ein Notfallmediziner dem Guardian berichtete, seien viele ältere Menschen während des Sommers auf sich allein gestellt gewesen. Einige konnten sich keine Klimaanlage leisten, andere schalteten vorhandene Geräte wegen der Stromkosten nicht ein.Hitze steigert die Risiken bestehender ErkrankungenDie wenigsten Menschen sterben unmittelbar an einem Hitzeschlag, bei dem die Organe akut versagen. Extreme Temperaturen erhöhen vielmehr die Wahrscheinlichkeit, dass bereits bestehende Krankheiten zu einem tödlichen Verlauf führen. Dafür gibt es mehrere physiologische Mechanismen:Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Um Wärme abzugeben, erweitert der Körper die Blutgefäße und erhöht die Durchblutung der Haut. Das belastet das Herz. Flüssigkeitsmangel und Veränderungen der Blutgerinnung können zusätzlich Herzinfarkte oder Schlaganfälle begünstigen.Nierenschäden und Dehydrierung: Starkes Schwitzen und unzureichende Flüssigkeitszufuhr können Kreislauf und Nierenfunktion beeinträchtigen. Bei vorerkrankten Menschen kann dies lebensbedrohlich werden.Atemwegserkrankungen: Hitze belastet Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten. Gleichzeitig können hohe Ozonbelastungen die Atemwege zusätzlich reizen.Fehlende nächtliche Erholung: Wenn Wohnungen nachts nicht ausreichend auskühlen, bleibt der Körper über viele Stunden unter thermischer Belastung. Das Risiko steigt insbesondere bei mehrtägigen Hitzewellen.Hitzeschutzmaßnahmen können Leben rettenDabei gibt es eine Vielzahl von Hitzeschutzmaßnahmen, die Leben retten können. Dazu gehören Hitzefrühwarnsysteme, bei denen meteorologische Dienste und Behörden frühzeitig Warnungen aussprechen, sodass sich u. a. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf die Bedrohungslage einstellen können. Dazu gehört auch die aktive Betreuung älterer Menschen. Sozialdienste können diese z. B. telefonisch oder persönlich in regelmäßigen Zeitabständen kontaktieren.Zudem müssen Bibliotheken, öffentliche Gebäude oder Gemeinschaftszentren als kühle Aufenthaltsorte geöffnet und verfügbar sein. Auch müssen Arbeitsbedingungen angepasst und körperlich schwere Arbeiten auf kühlere Tageszeiten verlagert werden. Langfristig braucht es einen Umbau der Städte mit Außenverschattung, besserer Wärmedämmung, Begrünung und Entsiegelung von Flächen.Vieles davon wird bereits in die Tat umgesetzt. Eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie der Czech University of Life Sciences und der London School of Hygiene & Tropical Medicine untersuchte die Auswirkungen von Hitzeschutzplänen an 102 Standorten in 14 europäischen Ländern anhand von Daten aus den Jahren 1990 bis 2019. Laut Studie konnten schätzungsweise mehr als 14.000 Todesfälle an den untersuchten Standorten vermieden werden – das sind 25 Prozent weniger hitzebedingte Todesfälle.80 europäische Organisationen fordern von der EU derweil deutlich mehr Ambition beim Hitzeschutz und bei der Klimawandelanpassung. Trotz bestehender nationaler Hitze-Gesundheitsaktionspläne, Frühwarnsysteme und einer EU-Anpassungsstrategie steige die hitzebedingte Sterblichkeit weiter an, kritisiert die Planetary Health Alliance in Europa, ein Netzwerk europäischer Gesundheitsorganisationen.Die Europäische Kommission arbeitet derzeit am European Climate Resilience Framework. Die Gesundheitsorganisationen fordern darin rechtlich verbindliche Anpassungsverpflichtungen und deutlich mehr Geld. Mittel könnten etwa aus dem Abbau klimaschädlicher Subventionen kommen. Diese betragen rund 400 Milliarden Euro jährlich. mg
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