StartseiteWirtschaftStand: 23.10.2026, 14:01 UhrVon: Thomas RoserDruckenTeilenUns auf Google folgen
Gute Laune bei einer Kundgebung in Belgrad. © Marko Drobnjakovic/dpaSerbiens Wachstumsrate lag seit 2012 bei nur 2,41 Prozent – weniger als im Kosovo oder Albanien. Ausländische Direktinvestitionen sind seit zwei Jahren rückläufig.Serbiens ungekrönter Meister des Eigenlobs stellt sein vermeintliches Licht nicht unter den Scheffel. Dank der Anstrengungen seiner SNS könne sich das Land einer der „am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas“ glücklich preisen, so die frohe Wahlkampfbotschaft von Ex-Präsident Aleksandar Vučić, der erneut Ministerpräsident werden will.„Unsere Arbeiter gehen in neue Fabriken. Die Leute verdienen mehr. Die Rentner leben besser. Es gibt nicht mehr die großen Unterschiede zwischen den reichen Städten und armen Dörfern“, sagte der Politiker vor der serbischen Parlamentswahl am Sonntag. „Was die Gehälter, die Investitionen und den Lebensstandard angeht, sind wir auf Augenhöhe mit mehreren EU-Staaten.“Tatsächlich ist das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und dem von Überalterung und Abwanderung geplagten Land unverändert groß. Zwar zeugen Kräne und Großbaustellen von einem Bauboom, den die 2027 in Belgrad steigende Expo anheizt. Doch Serbiens Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt liegt mit 52 Prozent des EU-Durchschnitts deutlich hinter anderen EU-Staaten wie Bulgarien (68 Prozent), der Slowakei (78 Prozent) oder Rumänien (79 Prozent), mit denen sich Vučić im Wettstreit sieht.Doch wie ist es jenseits allen Wahlkampfgepolters um die Wirtschaft des selbsterklärten „Balkantigers“ bestellt? „Serbiens Wirtschaft scheint sich verbessert zu haben“, bilanziert das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in einem anlässlich der Wahlen veröffentlichten Serbien-Rapport: „Doch wenn man an der Oberfläche kratzt, erscheint ein etwas differenzierteres Bild.“Tatsächlich hält die Behauptung von Vučić, dass seine seit 2012 regierende SNS das Land in ungekannte Höhen geführt habe, einer Überprüfung nicht stand. Während Serbiens Wirtschaft von 2001 bis 2011 trotz der Einbrüche nach der Finanzkrise von 2008 jährlich gemittelt um 4,17 Prozent wuchs, betrug Serbiens durchschnittliche Wachstumsrate zwischen 2012 und 2025 nur 2,41 Prozent. Selbst der darbende Staatsneuling Kosovo (4,0 Prozent), Albanien (3,0 Prozent), Montenegro (2,84 Prozent) und Bosnien-Herzegowina (2,58 Prozent) weisen in der Region für denselben Zeitraum höhere Werte auf.Zwar hat das WIIW seine Wachstumsprognose für Serbien auf 3,3 Prozent im laufenden Jahr erhöht. Doch das Institut erklärt die starken Zuwächse im zweiten Quartal auch mit „populistischen“ Regierungsinterventionen angesichts der nahenden Wahlen – wie subventionierten Benzinpreisen, Rentenerhöhungen und Gehaltssprüngen im Öffentlichen Dienst. Die Frage sei, wie nachhaltig das vor allem auf Konsum basierende Wachstum ist.Auch die auf 7,2 Prozent gefallene Arbeitslosenrate ist laut den Wirtschaftsforscher:innen weniger mit steigenden Beschäftigtenzahlen als mit der schrumpfenden Berufsbevölkerung zu erklären. Die ausländischen Direktinvestitionen seien seit zwei Jahren rückläufig – trotz kräftiger staatlicher Förderung. Was der Grund dafür ist? Das Institut erklärt den Mangel an Investitionen mit rechtsstaatlichen Mängeln und der florierenden Korruption im Land.Im Wahlkampf betont Vučić zwar stets die enge Freundschaft Serbiens zu Russland, dessen wirtschaftliche Bedeutung für den EU-Anwärter ist aber gering. Zwar machen die russischen Gas- und Ölimporte noch drei Prozent der Gesamteinfuhren des Balkanstaats aus. Aber in der Rangliste von Serbiens wichtigsten Exportmärkten belegt Russland nur den 16. Rang.Knapp 60 Prozent aller serbischen Exporte gehen in die von den regierungsnahen Medien gerne verteufelte EU. Deutschland (15 Prozent), Italien (6,9 Prozent) und Bosnien (6,3 Prozent) sind vor China (5,9 Prozent), Ungarn (4,7 Prozent) und Montenegro (4,4 Prozent) die wichtigsten Abnehmerstaaten. Anders sieht es bei den Importen aus: Die meisten Waren werden mittlerweile aus China (15 Prozent) eingeführt – vor Deutschland (12,0 Prozent), Italien (6,6 Prozent), der Türkei (5,3 Prozent), Ungarn (4,5 Prozent) und Polen (3,6 Prozent).Die angezogenen Exporte nach Deutschland, mit dem Serbien inzwischen sogar eine positive Handelsbilanz aufweist, sind mit der Ansiedlung von Unternehmen der Automobilbranche zu erklären: Sie nutzen das Land mithilfe ihrer Tochterfirmen als „verlängerte Werkbank“ zur Montage oder zur Herstellung von Zulieferteilen.Niedrige Betriebskosten, verfügbare Arbeitskräfte, die relative Nähe zu Europas Schlüsselmärkten und kräftig sprudelnde Staatssubventionen machten Serbien bisher als Standort für Automobilzulieferer interessant. Doch das Geschäftsmodell wackelt: Grund dafür ist weniger die Kritik, dass der Großteil der dabei erzielten Wertschöpfung in den Händen der Auslandsinvestoren bleibe und dem Land kaum Innovation beschere, sondern vor allem die Absatzkrise von Europas Autoriesen sowie die knapp gewordenen Arbeitskräfte.Die serbische Wirtschaft ist abhängig von den EU-Märkten. Deshalb macht die fast völlig ins Stocken geratene EU-Annäherung vielen Menschen Sorgen. Vor fünf Jahren hatte Serbien zum letzten Mal ein Verhandlungskapitel in dem zähen Beitrittsmarathon eröffnen können. Sollte Vučić nach einem Wahlsieg – wie von ihm angedroht – noch stärker an der Repressionsschraube drehen, könnte ein EU-Beitritt gänzlich aufs Eis gelegt werden.
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