TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesenDresden/Brüssel – Während sich Moped-Fans jahrzehntelang darüber wundern durften, warum eine alte DDR-Schwalbe mit 60 Sachen über die Landstraße knattern darf, ein modernes Fahrzeug mit besseren Bremsen aber bei 45 km/h eingebremst wird, sagt Sachsen jetzt: Schluss mit dem Tempo-Irrsinn!Erst hatte der Freistaat durchgesetzt, dass auch reimportierte Simson-Mopeds (u.a. S51, Schwalbe) der Baujahre bis 1992 wieder die legendären 60 km/h fahren dürfen. Für das Kultmoped aus dem Osten bis Baujahr 92 gilt das bereits jetzt – dank einer Sonderklausel im Einigungsvertrag. Jetzt will Sachsens Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (62, CDU) noch einen Schritt weitergehen: Künftig sollen nicht nur DDR-Klassiker, sondern alle Mopeds dieser Klasse bis zu 60 km/h schnell sein dürfen – also auch die im vor allem Westen verbreiteten Vespas, Yamahas oder Peugeot-Roller.
Simme-Tempo für alle: Sachsens Infrastrukturministerin Regina KraushaarFoto: Sebastian Kahnert/dpaFreie Fahrt für die Moped-FraktionDas Problem: Die 45-km/h-Grenze kommt nicht aus Dresden oder Berlin, sondern aus Brüssel. Wer mehr Tempo für Mopeds will, muss die EU-Regeln ändern.Genau das ist nun das Ziel von Sachsens Bundesratsinitiative. Die Bundesregierung soll sich in Europa dafür einsetzen, dass neue Kleinkrafträder künftig ebenfalls mit bis zu 60 km/h zugelassen werden können.Kraushaars Argument: Technisch seien viele heutige Mopeds den alten Simsons bei Bremsen, Fahrwerk und Beleuchtung sogar deutlich überlegen. Warum also darf Opa auf der Schwalbe mit 60 durchs Dorf preschen, während sein Enkel auf dem modernen Roller mit lediglich 45 Sachen daherschleicht?
Schwalbe, S50 und später S51 sowie der Simson-Roller war der Traum (fast aller) Jugendlichen im Osten. Ab 15 Jahren durfte man die Fahrzeuge (bis 50 ccm) fahren. Es gab u.a. die Varianten N, Electronic und Enduro. Kosten zwischen 1200 und 2100 Ostmark.Foto: Patrick Pleul/dpaSimson fährt vorausDafür geht der Freistaat selbst schon mal voran, entschied: Reimportierte DDR‑Mopeds dürfen in Sachsen ab sofort wieder genauso schnell fahren wie die Originale, sofern sie die entsprechenden Gutachten und Nachweise vorlegen. Doch Sachsen denkt größer: Aus der Simson-Ausnahme soll langfristig eine europäische Regel werden. Oder anders gesagt: Die Sachsen wollen, dass ganz Europa endlich Schwalbe fliegt. Ganz ohne Sicherheitsnetz soll die Sache nicht laufen. Sachsen fordert ausdrücklich eine Untersuchung zu Unfallzahlen, Unfallfolgen und Verkehrssicherheit, bevor die EU an den Regeln schraubt. Mit anderen Worten: Tempo 60 für Mopeds ja, aber nicht nach dem Motto „Vollgas bis Brüssel“.Mehr zum ThemaKampf um die „Lufthoheit Ost“ mit der AfDHinter der Moped-Charme-Offensive steckt auch politische Brisanz. Denn die AfD hatte den Simson-Kult im Sommer für sich entdeckt und kräftig befeuert. Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (35) und zuvor auch der Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke (54) nutzten das ostdeutsche Kultvehikel als Identifikationssymbol für den Kampf um Wählerstimmen.
Plattenbau und Schwalbe – mehr Osten geht nicht. Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenmann Ulrich Siegmund und Ehefrau Julia Foto: Michael Kappeler/dpa
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